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Pearls of Bulgarian Folklore
Für Feldmarschall von Kluges Heeresgruppe Mitte sind es hart errungene, gleichwohl wichtige Teilerfolge. Zum einen setzen die offensiv begradigten Fronten eigene Kräfte frei, um überhaupt die befohlene Linie halten zu können. Andererseits stellt das Behaupten der Positionen nur 150 bis 200 Kilometer vor Moskau eine permanente Bedrohung der sowjetischen Hauptstadt dar. Eine Tatsache, die Stalin lange Zeit im Unklaren über den Schwerpunkt der deutschen Sommeroffensive im Süden und falsche Schlüsse ziehen lässt.
Leningrad - die 1. Ladogaschlacht
Für die Heeresgruppe Nord verfolgt Hitler weitergehende Ziele. Laut Weisung Nr. 41 vom 5. April gilt es, „Leningrad zu Fall zu bringen und die Verbindung mit den Finnen herzustellen.“ Für dieses operativ zweifellos wichtige Ziel wird Mansteins 11. Armee nach der Eroberung Sewastopols zu Feldmarschall Küchlers Heeresgruppe Nord verlegt. Eine folgenschwere Fehlentscheidung Hitlers, die zulasten des deutschen Südflügels geht. Statt über die Straße von Kertsch zu springen und die strategisch wichtige Schwarzmeerküste in Besitz zu nehmen, sollen Mansteins Verbände Brückenköpfe über die Newa bilden und die Ostseemetropole erobern. Eine Alternative wäre gewesen, den Kessel von Demjansk mit seinen 100.000 Mann zu räumen und die freigewordenen Kräfte der 18. Armee zu unterstellen.
Der beabsichtigte Angriff auf Leningrad erhält zunächst den Decknamen „Feuerzauber“, später wird das Unternehmen in „Nordlicht“ umbenannt. Manstein, als Bezwinger der Festung Sewastopol zum Feldmarschall befördert, übernimmt die operative Planung. Vorgesehen ist das Überschreiten der Newa östlich des an der Flussmündung gelegenen Leningrad mit anschließendem Schwenk nach Westen zum Zwecke einer engen Einschließung. In der von deutsch-finnischen Truppen belagerten Ostsee-Metropole vegetieren zu diesen Zeitpunkt noch zirka 1,1 Millionen Menschen. Marija Bystrowa44, Leiterin einer Werkhalle, spricht davon, dass der Hunger „unerträglich“ war. „Wir ernährten uns sogar von Tischlerleim, aus dem wir eine Art Sülze machten. Während dieser Zeit konnte man feststellen, daß die schneller starben, die über den Hunger jammerten und ständig etwas vermißten.“
Doch während die einfachen Genossen in Leningrad darben und auf Leichenwagen stapeln die menschlichen Kadaver, laben sich Angehörige der Parteispitze und des Geheimdienstes an Kuchen und sogar Kaviar. Eine unerhörte Dekadenz von Eliten, die eine klassenlose Gesellschaft predigen.
Nach dem Willen des asketisch lebenden Führers soll Leningrad, wie im Falle Sewastopols erfolgreich vorexerziert, durch schwersten Artilleriebeschuss und massive Luftbombardements sturmreif geschossen werden. Anschließend ist die totale Vernichtung der Revolutionsmetropole geplant.45 In seiner pathologisch-destruktiven Phantasie malt sich der gefährlichste Brandstifter aller Zeiten das Inferno aus – es werde „in straffster Zusammenarbeit mit der Luftwaffe der größte Feuerzauber der Welt losgelassen“. Sein frisch gebackener Feldmarschall glaubt allerdings „beim Russen nicht an eine Terrorwirkung“. Manstein bemerkt gegenüber Küchler kühl, dass es wohl am zweckmäßigsten sei, „die Stadt einzuschließen und Verteidiger wie Bewohner verhungern zu lassen.“46 Denn die Blockade Leningrads ist bis dato nicht wasserdicht. Über den Ladogasee gelangt weiterhin Nachschub in die Stadt. Dieser größte Binnensee Europas konnte im Zuge der Herbstoffensive 1941 nicht mehr von der Heeresgruppe Nord und den finnischen Waffenbrüdern abgeriegelt werden.
Aber vor Leningrad kommen die Deutschen immer zu spät. Bevor Hitler seine „Nero-Vision“ verwirklichen kann, tritt der Russe selbst zum Angriff an. Einerseits zum Entsatz Leningrads. Andererseits in präventiver Absicht, um Mansteins Eroberungspläne zu durchkreuzen. Am 27. August greift die Wolchowfront unter General Merezkow mit der 8. Armee an, dem widrigen Wald- und Sumpfgelände zum Trotz. Der überraschende Stoß richtet sich gegen den 20 Kilometer schmalen „Flaschenhals“. Jener deutsche Frontvorsprung, der bis ans Südufer des Ladoga-Sees reicht und Leningrad vom sowjetischen Hinterland östlich des Wolchow trennt.
Am dritten Tag der Offensive sind die Sowjets auf 5.000 Meter Breite bis zu sieben Kilometer tief eingebrochen. Die Angriffsspitzen stehen vor den strategisch wichtigen Höhen von Sinjawino. Im Führerhauptquartier herrscht „größte Aufregung“. Hitler sieht „ein Bild willenloser Führung“. Er beauftragt Manstein mit der Abriegelung des sowjetischen Einbruches. Starke Luftunterstützung und neu zugeführte „Tiger“ der 1. Kompanie/Schwere Panzerabteilung 502 sollen die deutsche Schlagkraft erhöhen und die Initiative zurückgewinnen. Es ist die Premiere der schweren Kampfwagen mit der nahezu unverwüstlichen Frontpanzerung von 120 Millimetern und der vernichtenden Feuerkraft der 88-Millimeter-Kanone. Ihr Einsatz markiert einen Wendepunkt der Waffentechnik im Osten. Bis zum Auftreten der Tiger, die pro Kampfwagen 90 Schuss Kanonenmunition mitführen, verfügten die Sowjets mit ihren T 34 und KW über die schwersten Tanks mit der größten Feuerkraft.
Die 20 Kilo schwere Panzergranate des Tiger erreicht beim Abschuss eine Mündungsgeschwindigkeit (V0) von 810 Metern in der Sekunde. Damit vernichtet die rasante „Acht-Acht“ den T 34 bereits auf über zwei Kilometer Entfernung (günstigste Durchschlagsleistung bis 1.500 Meter); also lange bevor der russische Kommandant seinerseits wirksames Feuer eröffnen kann. Das große Manko des 700 PS starken 57 Tonners mit den eckigen Formen stellt die mangelnde Beweglichkeit dar. Das niedrige Leistungsgewicht, zehn PS pro Tonne, ermöglicht im Gelände nur eine Marschgeschwindigkeit um die zehn km/h (bei einer theoretischen Höchstgeschwindigkeit von 38 Stundenkilometern, die allerdings feste Straßen bedingt). Die Planungen für den Bau schwerer Panzer reichen auf eine Weisung Hitlers vom 26. April 1941 zurück, knapp zwei Monate vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Es ist also eine Legende, wenn vielfach behauptet wird, der Tiger sei eine hastige Neuentwicklung gewesen, geschuldet dem unerwarteten Auftreten der T 34 und KW auf russischer Seite. Allerdings haben die schweren Sowjetpanzer die deutsche Produktion ganz sicher massiv beschleunigt.
Über die legendäre Kampfkraft des „Panzer VI“ schwärmt der ehemalige Tiger-Kommandant Alfred Rubbel47 noch im 21. Jahrhundert: „Wer wie ich in der Panzertruppe der Bundeswehr zwanzig Jahre mit Panzerausbildung, Panzereinsatz und Panzerentwicklung beschäftigt und danach noch jahrelang in der panzerbauenden Industrie tätig war, kommt beim Vergleich von heute zu damals zu dem Urteil, dass die Tiger einen technischen und waffenmäßigen Vorsprung bedeuteten, der weder im Krieg noch in den (außerdeutschen) Nachkriegsentwicklungen jemals eingeholt werden konnte. Ich wage die Behauptung, dass die heutigen, mit Elektronik hochgezüchteten und über alle Maßen im rauen Kriegseinsatz empfindlichen Panzer dem Tiger in einem länger dauernden Einsatz unterlegen sein würden.“
Ihre Überlegenheit können die neuen Superpanzer bei ihrem ersten Einsatz im September 1942 freilich (noch) nicht unter Beweis stellen. Generaloberst Guderian, der Schöpfer der deutschen Tanktruppe, kommt zu dem deprimierenden Urteil:
„Er [Hitler] bestimmte eine ganz nebensächliche Aufgabe, nämlich einen örtlich begrenzten Angriff in einem völlig ungeeigneten Gelände: die sumpfigen Wälder bei Leningrad, in denen schwere Panzer nur in Kolonne zu einem auf den Schneisen vorfahren konnten und somit direkt vor die Rohre der natürlich auch an den Wegen postierten Abwehrgeschütze fuhren. Schwere, vermeidbare Verluste und die Preisgabe des Geheimnisses und damit zukünftiger Überraschungen waren die Folge.“48
*
Bis zum 9. September wird die russische Offensive, der sich inzwischen das IV. Garde-Schützenkorps und die wieder aufgestellte 2. Stoßarmee angeschlossen haben, gestoppt. Mansteins Verbände gewinnen nach und nach die Initiative zurück. Der sowjetische Hauptmann Posselenow49 schreibt am 12. September in sein Tagebuch:
„Die ganze Erde bebt von Bombeneinschlägen. Es scheint, als wenn die Deutschen alles mit der Erde vermischen wollen. In ununterbrochenem Strom kommen ihre Kampfmaschinen und werfen Bomben, Bomben, wann nimmt das ein Ende? Ringsum die Hölle [...] Im Streifen von 2 km bis zur vorderen Linie Leichen, Leichen von Menschen und Pferden. Ein höllischer Gestank.“
Auch die Newa-Gruppe der Leningrader Front, die bei Dubrowka von Westen her angetreten ist, bleibt nach Überschreiten der Newa in einem schmalen Brückenkopf am Ostufer liegen. Das gut liegende deutsche Artilleriefeuer und die rollenden Luftbombardements erweisen sich als unüberwindlich.
Inzwischen gliedert Manstein seine Verbände zum konzentrischen Gegenstoß. Am 21. September tritt von Norden her die 121. Infanteriedivision an, während aus südlicher Richtung die 24., 132. und 170. Infanteriedivision vorrücken, um die eingebrochenen Sowjetdivisionen an ihrer dünnen Basis im Osten abzuschneiden. Zwar erzielt die Konteroffensive Bodengewinne, aber die Verluste sind enorm. Die 132. Infanteriedivision verliert schon am ersten Angriffstag 510 Mann. Das VI. Garde-Schützenkorps unter Generalmajor Gagin wehrt sich verbissen.
Oberleutnant Siegfried Weber50 erlebt blutige Nahkämpfe beim Jägerregiment 49. Der Angehörige der 28. Jägerdivision berichtet:
„Im unübersichtlichen Wald- und Buschgelände tobte der Kampf auf nahe und nächste Entfernung. Immer wieder gelang es dem Feind, mit Panzern, aufgesessener und Begleitinfanterie [...] einzudringen. Im Gegenstoß musste er dann mit MPi, Handgranaten oder Spaten im Nahkampf abgewehrt werden. Die Russen gehörten einer Eliteeinheit an, keiner ergab sich, unverwundete Gefangene konnten nicht gemacht werden.“
Aber schließlich führt Mansteins Schlag aus der Nachhand an der berüchtigten „Elekroschneise“ bei Gaitolowo zum Erfolg. Für den entscheidenden Durchbruch auf eine Höhe wird Oberleutnant Weber das Ritterkreuz verliehen. Fünf Tage nach Angriffsbeginn sitzen sechs Schützendivisionen- und -brigaden im Kessel. Hauptmann Posselenow notiert:
„Wir sind abgeschnitten. Keine Post, keine Verpflegung. Munition auch fast keine. Die Verpflegung verteilen wir so: eine Tagesration für vier Tage. Heute spüren wir schon die Folgen [...] Die Stimmung kann ich nicht als schlecht bezeichnen, eher gleichmäßig [...]“
Zwei Tage später lautet der Tagebucheintrag: „Die Artillerie zerhackt die ganze Zeit den Wald, der Jahrhunderte unangerührt war. Er ist bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen. Die Heimaterde ist aufgegraben, verwundet. Alles das, was sie schmückte, ist zerschlagen und zu Staub verwandelt [...] Alle stehen wir in Erwartung der Vernichtung [...] Auch eben suchen wir einen Ausweg wie eine Maus in der Falle. Wo man sich vorfühlt, überall ist das Loch zu. Noch ein geringer Feinddruck und alles wird überrannt.“
Am 2. Oktober ist das Gemetzel, die sogenannte 1. Ladogaschlacht, vorbei. Die Offensive kostet die Rote Armee 12.000 Gefangene und ein Mehrfaches an Gefallenen. Mansteins Verbände bezahlen ihren Sieg mit 26.000 Toten und Verwundeten. Ein ungewöhnlich hoher Blutzoll, der die Härte der Kämpfe unterstreicht. Allein die 28. Jägerdivision beklagt 717 Gefallene, 88 Vermisste, 3.276 Verwundete. Auch wenn die Sowjets ihr eigentliches Operationsziel, nämlich das Aufbrechen der Leningrader Blockade, verfehlt haben, ist der strategische Nutzen ihrer versumpften Offensive doch gewaltig. Durch die hohen deutschen Ausfälle und die viele verbrauchte Munition ist das Unternehmen „Nordlicht“ illusorisch geworden. Zwar bleibt Leningrad belagert, aber Hitlers Eroberungspläne sind nachhaltig durchkreuzt.
Als Ersatz für Ausfälle und Abgaben erhält die 18. Armee neben anderen Verbänden die 1., 9. und 10. Luftwaffenfelddivision, gebildet aus überschüssigem Luftwaffenpersonal. Da weder ihre Offiziere noch Unteroffiziere und Mannschaften über infanteristische Erfahrungen verfügen, bewähren sich Görings Neuaufstellungen bei den Bodenkämpfen nicht. Die nahe liegende, von Hitler ursprünglich auch ins Auge gefasste Lösung, mit jenen 200.000 Luftwaffensoldaten die gelichteten Reihen in den viel professionelleren Heeresverbänden aufzufüllen, hat der prestigesüchtige Reichsmarschall zu verhindern gewusst – zum schweren Nachteil der Ostfront.
Die 24. Infanteriedivision51 muss nicht nur Offiziere zum Zwecke der Ausbildung an die benachbarte, völlig unerfahrene 10. Luftwaffenfelddivision abgeben, sondern zur Aufrechterhaltung des Dienstbetriebs überhaupt! Daran mag man ermessen, dass an sich gutes „Menschenmaterial“ ohne den scharfen preußischen Schliff und das auserlesene Offizierskorps nicht viel wert ist. Ganz anders die Formationen der Waffen-SS. Zumindest deren Kerndivisionen, nämlich die „Leibstandarte“, „Reich“, „Totenkopf“ und „Wiking“, bewähren sich im Felde vollauf. Ihre Kampfkraft wird auch von vielen Kameraden des Heeres anerkannt. Während des Krieges und auch danach. Noch im Jahre 1953 soll der ehemalige Ostfront-Oberleutnant Helmut Schmidt, der spätere Bundeskanzler, vor Veteranen der Waffen-SS laut bekunden, dass er „immer das Gefühl besonderer Sicherheit“ verspürt habe, wenn Himmlers Elitekämpfer neben seiner Einheit, der motorisierten leichten Flakabteilung 83, in Stellung lagen.52 Darin liegt viel Wahrheit und gewiss nicht nur Anbiederung!
Das militärische Know-how der Waffen-SS gründet nicht zuletzt auf die traditionelle Ausbildung durch ehemalige Heeresoffiziere. Dass sie darüber hinaus in ihren Reihen neue Prinzipien praktiziert und natürlich eine fanatischere Weltanschauung propagiert, ist kein Widerspruch dazu. Nicht allein der Glaube kann eine solide Grundausbildung ersetzen. Auch nicht bei der laut Göring vermeintlich „nationalsozialistischen“ Luftwaffe.
Brückenkopf Kirischi, Kampfraum Mga, Staro-Panowo
Im Schatten der großen Ereignisse liegen kleinere Brennpunkte, zum Beispiel der Brückenkopf Kirischi. Dieser vier Kilometer breite und zweitausend Meter tiefe Flecken Erde auf dem Ostufer des Wolchow ragt wie ein Pfahl ins Fleisch der Russen. Die vorgeschobene Bastion wird in erster Linie von ostpreußischen Verbänden in Regimentsstärke verteidigt. Der Brückenkopf soll die westlich verlaufende Bahnlinie vom Knotenpunkt Mga nach Tschudowo decken beziehungsweise – aus Sicht unverbesserlicher Optimisten – Ausfalltor nach Nordosten sein. Die Verbindung zum deutschen Hinterland erfolgt über einen schwankenden Steg. Denn die hohe Eisenbahnbrücke über den hier 350 Meter breiten Wolchow ist zum Teil gesprengt und nur noch auf diese improvisierte Weise passierbar geblieben. Eine Sichtblende aus Buschwerk am Geländer soll die Feindeinsicht erschweren. Denn jede erkennbare Bewegung auf dem Brückensteg wird von den Russen sofort unter Feuer genommen. Vor allem Scharfschützen fordern ihren Tribut.
Anfang Juni beginnt die Front stärker als sonst zu rumoren. Am 4. des Monats beginnen die russischen Geschütze, insgesamt mehr als 100 Rohre, mit dem Einschießen auf die deutschen Stellungen. 24 Stunden später steigert sich die sporadische Kanonade zum Trommelfeuer. Die Russen kommen! Mit mehreren Schützendivisionen und -brigaden. Und T 34! Aber die zähen ostpreußischen Grenadiere der 11. und 21. Infanteriedivision erweisen sich als gefürchtete Panzernahkämpfer. Nicht wenige T 34 werden mit Handminen gesprengt. Und der Unteroffizier Rump von der Panzerjägerabteilung 11, eine Einheit der 11. Infanteriedivision, setzt mit seiner Pak 15 Tanks außer Gefecht. Insgesamt werden im Verlauf der 15-wöchigen Schlacht 171 Russenpanzer vernichtet. Daneben fallen die russischen Schützen in Massen. Welle auf Welle. Bis den Angreifern das „Menschenmaterial“ ausgeht. Die gut ausgebauten, freilich nach und nach eingeebneten Stellungen der Verteidiger, ihr harter Durchhaltewille sowie das starke artilleristische Rückgrat und die wirkungsvolle Luftunterstützung durch das I. Fliegerkorps erweisen sich als unüberwindlich.
Oberleutnant Claus von Kursell, Adjutant beim II. Bataillon/Infanterieregiment 3 der 21. Division, berichtet über das umgepflügte Schlachtfeld: „Große Friedhöfe, von Bomben und Granaten zerwühlt, Häuserruinen, die nur noch die Umrisse der ehemaligen Gebäude anzeigten, Baumstümpfe ohne Äste und Blätter. Das Gelände war mit zersplitterten Brettern und Balken, Maschinenteilen, zertrümmerten Waffen und zerrissenen Ausrüstungsstücken bedeckt. Hier und da schwelte das Sägemehl einer ehemaligen Holzfabrik von der letzten Phosphorbombe her. Da und dort lagen ein toter Russe oder ein deutscher Soldat, den man noch nicht hatte bestatten können. Eine Stätte des Schreckens, ohne ordentliche Bunker und Gräben, ohne Hindernisse und Minenfelder.“53
Ein Gefechtsfeld für Einzelkämpfer. Da ist zum Beispiel jener Unteroffizier vom I. Bataillon, der, inmitten seiner gefallenen Gruppe als Letzter die Stellung verteidigend, Handgranate auf Handgranate gegen den angreifenden Feind schleudert. Bis er schwer verwundet wird und die eigene Pistole gegen sich selbst richtet.
Oder der Unteroffizier Windt, der plötzlich auf einen 20 Mann starken russischen Spähtrupp trifft, davon vier Rotarmisten mit der MPi erschießt und die restlichen Feinde in die Flucht schlägt. Und nicht zuletzt „der alte Rackwitz von der 6. Kompanie“, der mit seinem leichten Granatwerfer, Kaliber 5 Zentimeter, wendiges Sperrfeuer als 10er Salven schießt. Einmal bezieht er mit seinem Rohr sogar Feuerstellung auf einem Baum. Über das Ergebnis sagt Rackwitz in seiner typischen Mundart:
„Ich habe aber nuscht jetroffen.“
Claus von Kursell findet aber ebenso anerkennende Worte für den Gegner: „Aber auch der Russe war tapfer. Wie Schlangen krochen die Iwans vom Waldrand mit Gepäck und Nachschub über das freie Trichtergelände und brachten ihre Lasten in die vordersten Gräben, die 25 bis 150 Meter vor den eigenen Stellungen lagen. Auch für den Feind war Kirischi eine Hölle. Das russische Feuer war schlimm, aber fürchterlicher noch die deutsche Abwehr. Wo eine Bereitstellung erkannt wurde, da schlugen die Feuerzusammenfassungen ein [...] Die russischen Panzerfahrer wollten nicht mehr angreifen. Es hatte aber keinen Zweck. Ein gefangener Tankist sagte aus, daß, wer umkehrt, erschossen worden wäre. Neue Fahrer kamen in die Kampfwagen. Sie fuhren vor und verbrannten in ihren Panzern. Denn wer ausbooten wollte, den schossen die Unseren ab.“
Vom Himmel lassen Tiefflieger der roten Luftwaffe Flammöl auf die zerschlagenen Stellungen der preußischen Grenadiere regnen. Dabei fängt eine der Maschinen Feuer, brennt wie eine Fackel, wird von einem nachfolgenden Flugzeug gerammt. Beide Tiefflieger stürzend qualmend in den Wolchow. Bei Nachtangriffen der roten Luftwaffe schießen die russischen Infanteristen rote Leuchtkugeln auf die deutschen Stellungen, um diese zu markieren. Da wendet Rackwitz eine Kriegslist an. Er feuert rote Leuchtkugeln in Serie auf die feindlichen Stützpunkte. Und die russischen Piloten lassen sich tatsächlich täuschen, werfen ihre tödliche Last auf die eigenen Stellungen ab. Rackwitz hört das Rauschen der Bomben, die Explosionen, die Schreie der getroffenen Rotarmisten.
Zu den Härten der Gefechte kommen gesundheitliche Beschwerden. Das wochenlange Vegetieren in den Drecklöchern plus Läuse sorgen für Fieber, eiternde Wunden, geschwollene Füße und vor allem den unvermeidlichen „Durchmarsch“, wie von Kursell den chronischen Durchfall nennt.
Derweil kümmert sich Stabsarzt Dr. Schneider54, Chef der 1. Sanitätskompanie/21. Infanteriedivision, vordringlich um die Schwerverwundeten. Darunter ein Unteroffizier mit offenem Hals. Ein Splitter hat ihm Kehlkopf und Speiseröhre zerfetzt. Aber der stumme Mann steht immer noch. Dr. Schneider sagt nach der Operation:
„Welch ein Leidenkönnen!“
Manch einen dieser schweren Fälle kann der Arzt retten, andere muss er aufgeben. Dr. Schneider berichtet über die Sterbenden:
„Mitten unter uns kämpft der ohnmächtige Ausgeblutete seinen furchtbaren Todeskampf, ertönt das schwere, langsame letzte Röcheln des Kopfverletzten oder das rasselnde Stöhnen des Lungenverletzten, gibt mit kleinen, krampfhaften Atemstößen der Bauchverletzte sein Leben auf.“
Und die pausenlosen Gefechte im Brückenkopf sorgen dafür, dass der Strom an Verwundeten, die über die Wolchowbrücke abtransportiert werden, nicht abreißt. Als Oberleutnant von Kursells Bataillon nach vier Wochen Einsatz in der „Hölle“ Kirischi endlich abgelöst wird, sind noch 400 von ursprünglich 700 Mann übrig.55
Aber auch nach Abklingen der russischen Großangriffe, Ende September, wütet ein verbissener Kleinkrieg. Fortgesetzte Scharfschützen-, Späh- und Stoßtrupptätigkeit sorgen dafür, dass die Truppe kaum zur Ruhe kommt und immer wieder Opfer zu beklagen sind. Nachts versuchen die Russen, sich ihre „Zungen“ zu holen, das heißt, Gefangene zum Verhör einzubringen. Um diesen „Postenklau“ zu verhindern, richten die Deutschen vorgeschobene MG-Stellungen zur Rundumverteidigung ein. Mancherorts wird befohlen, die Schnellfeuerwaffen mit Draht zu verankern. Die Posten leint man zur Sicherung wie Wachhunde an!56
Deutsche Spähtrupps lassen Nichtraucher an der Spitze marschieren. Ihre sensibleren Nasen sollen den markant würzig-scharf riechenden Machorka-Tabak der Rotarmisten frühzeitig erschnüffeln. Um den Fritzen wiederum die Annäherung zu erschweren, streuen die Iwans trockenes Reisig vor ihren Stellungen aus. Das laute Knacken der dünnen Hölzer verrät pirschende Späh- oder Stoßtrupps des Gegners.
Auf dem Westufer des Wolchow, im Kampfraum Mga, ist während des Sommers 1942 neben anderen Verbänden die 217. Infanteriedivision eingesetzt. In ihren Reihen kämpft der Oberleutnant Hubert Hundrieser.57 Ein leidenschaftlicher Jäger, der seine Passion in den Sumpfwäldern und Mooren hinter der HKL regelmäßig frönt. Während viele Kameraden jene berüchtigte „grüne Hölle“ am Wolchow verfluchen, kann der Naturfreund der ursprünglichen Landschaft viel Schönes abgewinnen. Hundrieser schwärmt für die „Sonnenaufgänge mit glitzernden Tautropfen, schweigenden Fichten und dem Balzkullern Hunderter Birkhähne auf nebelverhangenem Moor“. Selbst die einfachen, strohgedeckten Bauernhäuser bieten ihm in der aufgehenden Morgensonne „ein unsagbar schönes Bild“ – das „leuchtende Moos hatte die Ärmlichkeit der Katen fortgewischt“. Während seiner Jagdausflüge erlegt der Waidmann unter anderem Birkhähne und Schneehühner, die sein Hund mit dem passenden Namen „Iwan“ brav apportiert. Im Abschnitt seines Bataillons verlaufen die Sommermonate vergleichsweise ruhig.
Eines Abends, während der Wache, wird Hundriesers Hund unruhig. Das Herrchen, mit einem Jagdgewehr an einer verkrüppelten Moorkiefer Deckung nehmend, kann zwar nichts Verdächtiges wahrnehmen. Aber der erfahrene Jäger bleibt auf der Hut. Als eine halbe Stunde später Stockenten mit Geschnatter davonfliegen, ist das für Hundrieser ein zweites Alarmzeichen. Denn diese Wasservögel rufen meist nur dann, wenn sie aufgeschreckt worden sind. Angestrengt blickt Hundrieser durch sein lichtstarkes Fernglas auf das unübersichtliche Moorgelände. Da! Ein Trupp Rotarmisten schleicht in Reihe über den schwankenden Boden. Hundrieser zählt sieben Mann. Dann greift er nach seinem Jagdgewehr und bringt den Drillich in Anschlag. Er rückt den letzten Mann der Gruppe ins Fadenkreuz. Sein Kalkül: Fällt dieser, ist die Verwirrung beim Rest am größten. Die Entfernung beträgt zirka 100 Meter. Der Jäger nimmt den Druckpunkt am Abzug, atmet tief ein und aus, hält die Luft an und krümmt den Zeigefinger. Ein Schuss kracht. Der anvisierte Russe fällt. Blitzschnell lädt Hundrieser nach. Nach dem ersten Schuss sind die Rotarmisten auseinander gestobenen und haben Deckung genommen. Als sich einer etwas erhebt, um die Lage zu peilen, setzt Hundrieser den zweiten Treffer. Dann feuert er eine rote Leuchtkugel ab, das Zeichen für einen gegnerischen Angriff. Durch das Stellen des Spähtrupps ist den Rotarmisten das Überraschungsmoment genommen. Der anschließende russische Vorstoß in Kompaniestärke auf den deutschen Bataillonsgefechtsstand scheitert.
Am entgegengesetzten Flügel der 18. Armee, westlich Leningrad, hält die 215. Division den Ring um die rote Revolutionsmetropole geschlossen. Die von der Wolchowfront abgezogenen Regimenter krallen sich seit Juli 1942 in die Kraterlandschaft rund um das völlig zerschossene Dorf Staro-Panowo. Auf beiden Seiten wirkt starke Artillerie. Von See her orgeln die schweren Geschütze des Kreuzers „Lützow“, der kurz vor Kriegsausbruch vom Deutschen Reich an die Sowjetunion verkauft worden ist, ihre großkalibrigen Granaten. Zeitweilig erinnert das Trommelfeuer an die Materialschlachten des Ersten Weltkrieges. Als beim Infanterieregiment 380 die feindlichen Fernsprechleitungen angezapft werden, fällt immer wieder ein Name: Abramkin.58 Eine Art „Mädchen für alles“ beim gegenüberliegenden russischen Bataillonsstab. Abramkin ist offenbar so beliebt wie gefragt. In den abgehörten Telefonaten heißt es unter anderem: