Ich hatte Angst, der Krieg könnte zu Ende gehen
Ich hatte Angst, der Krieg könnte zu Ende gehen

Полная версия

Ich hatte Angst, der Krieg könnte zu Ende gehen

Язык: Русский
Год издания: 2026
Добавлена:
Настройки чтения
Размер шрифта
Высота строк
Поля
На страницу:
8 из 10

In der Pause standen die Jungen am Fenster. Sie redeten über den Krieg. Wie immer.

Heinz sagte, sein Vater sei sicher, Frankreich werde nicht lange durchhalten. Kurt stimmte zu.

Fritz sagte:

„Und wenn doch?“

Heinz lachte.

„Wird es nicht.“

„Woher weißt du das?“

„Das weiß jeder.“

Matthias sagte beinahe automatisch:

„Die Einheit unseres Volkes und die Überlegenheit unserer Armee lassen ihnen keine Chance.“

Der Satz kam glatt heraus.

Sehr glatt.

Die Jungen wunderten sich nicht einmal. Kurt nickte.

„Genau.“

Fritz zuckte mit den Schultern.

„Werden wir sehen.“

Das Gespräch ging weiter. Wenige Minuten später klingelte es. Matthias war schon im Klassenzimmer, als er plötzlich stehen blieb.

Die Einheit unseres Volkes und die Überlegenheit unserer Armee lassen ihnen keine Chance.

Wo hatte er das gehört?

In der Zeitung? Im Radio? Bei Schulze?

Er wusste es nicht genau.

Vielleicht nirgendwo in genau dieser Form. Vielleicht hatte er die Wörter selbst zusammengesetzt.

Er setzte sich, schlug das Buch auf, aber der Satz ließ ihn nicht los.

Sein Vater hatte gesagt: Wenn du etwas hundertmal hörst …

Matthias wurde wütend.

Auf sich. Auf den Vater. Auf die ganze Frage.

Was machte es für einen Unterschied, woher ein Gedanke kam, wenn er richtig war?

Er zwang sich zu lesen.

An diesem Abend wurde im Radio wieder eine Rede übertragen. Die Familie saß im Wohnzimmer. Die Stimme füllte den Raum. Sie sprach von Deutschlands Feinden. Von der Notwendigkeit, zusammenzustehen. Von der Jugend. Vom Opfer. Vom Schicksal.

Matthias hörte zu.

Einige Sätze kamen ihm bekannt vor. Nicht weil er sie schon einmal genau so gehört hatte, sondern weil er das nächste Wort vorauswissen konnte.

Nach Volk kam fast zwangsläufig Einheit.

Nach Soldat: Pflicht.

Nach Jugend: Zukunft.

Nach Führer: Treue.

Matthias ertappte sich dabei.

Das Wort war noch nicht gefallen, und er wusste es schon.

Es war fast wie bei einem Lied. Kennt man die Melodie, muss man nicht mehr überlegen, welcher Ton als Nächstes kommt.

Karl saß im Sessel. Matthias sah zu ihm. Der Vater hörte ebenfalls zu. Sein Gesicht zeigte nichts.

Matthias wandte sich wieder dem Radio zu.

Die Stimme sagte:

„Deutschland erwartet von jedem …“

Matthias beendete den Satz lautlos:

… die Erfüllung seiner Pflicht.

Genau so kam es.

Für einen Augenblick spürte er einen merkwürdigen Schauder.

Dann war er beinahe zufrieden.

Er hatte richtig geraten.

Anfang Mai schrieb Erich nur einen kurzen Satz:

Es sieht so aus, als müssten wir nicht mehr lange warten.

Mehr nicht. Keine Erklärung.

Karl las den Brief und legte ihn hin.

Anna fragte:

„Was bedeutet das?“

„Genau das.“

„Werden sie verlegt?“

„Vielleicht.“

Matthias merkte gar nicht, wie er sagte:

„Deutschland muss zu Ende bringen, was es angefangen hat.“

Der Vater drehte langsam den Kopf.

„Was?“

Matthias wiederholte es. Diesmal weniger sicher.

„Der Krieg muss beendet werden.“

„Das war nicht dasselbe, was du eben gesagt hast.“

„Na und?“

Karl sah ihn an.

„Nichts.“

Matthias wurde gereizt.

„Hörst du schon wieder das Radio in mir?“

Der Vater war überrascht. Matthias selbst hatte nicht erwartet, dass er das sagen würde.

Einige Sekunden sahen sie einander an.

Dann antwortete Karl:

„Weniger.“

Matthias verstand nicht.

„Was weniger?“

„Das Radio.“

Der Vater nickte in seine Richtung.

„Dafür immer mehr dich.“

Es sollte versöhnlich klingen.

Aus irgendeinem Grund machte es Matthias noch unruhiger.

In der Nacht konnte er lange nicht schlafen. Draußen regnete es. Tropfen schlugen gegen das Blech des Fensterbretts. Die Uniform hing über dem Stuhl. Auf dem Tisch lag das Heft mit dem Aufsatz. Daneben der Text seines Vortrags.

Matthias stand auf. Ohne das große Licht einzuschalten, machte er die Schreibtischlampe an und holte den Aufsatz hervor.

Er las den ersten Satz.

Der Mensch wird nicht nur für sich selbst geboren.

Das dachte er wirklich.

Wahrscheinlich.

Jeder Deutsche ist Teil eines großen Volkes.

Auch das.

Das Gemeinsame über das Persönliche.

Natürlich.

Matthias nahm einen Bleistift und versuchte, denselben Gedanken mit anderen Worten zu schreiben.

Es ging nicht sofort.

Er saß eine Weile da. Dann schrieb er:

„Manchmal muss ein Mensch auf etwas verzichten, das er selbst will, wenn es dadurch anderen besser geht.“

Er sah den Satz an.

Er klang schwächer.

Aber verständlicher.

Matthias dachte an Rudi, dessen Rucksack er leichter gemacht hatte. Das war wirklich geschehen. Rudi war müde gewesen. Matthias hatte geholfen. Kein Volk. Kein Schicksal. Nur ein Junge, der einem anderen half.

Dann schrieb er:

„Kameradschaft heißt, dass man einen Menschen nicht im Stich lässt, der neben einem geht.“

Auch das war seins.

Das wusste er.

Weil er das Gewicht eines fremden Rucksacks gespürt hatte.

Lange sah Matthias auf beide Sätze. Dann wieder auf den Aufsatz.

Die großen Wörter schienen plötzlich ein wenig weiter entfernt. Sie waren nicht verschwunden. Er glaubte immer noch an sie.

Aber zum ersten Mal begriff er, dass ein Unterschied bestand zwischen einem Wort, das man erlebt hatte, und einem Wort, das einem nur schön erklärt worden war.

Matthias klappte das Heft zu und legte sich wieder hin.

Am nächsten Morgen war das Gefühl beinahe verschwunden.

In der Schule sprach Herr Schulze von den kommenden Ereignissen im Westen. Am Abend sprach Krüger von Disziplin. Das Radio sprach von Entschlossenheit. Die Zeitungen sprachen von einer historischen Stunde.

Die Wörter umgaben Matthias wieder.

Und sie fanden wieder ihre Plätze.

Denn es ist anstrengend, jeden Tag neu zu prüfen, woran man glaubt.

Viel einfacher ist es, etwas Fertiges zu benutzen.

Matthias Roth lernte diese bequeme Fähigkeit nach und nach sehr gut.

Noch stritt er. Manchmal zweifelte er. Manchmal erinnerte er sich an die Fragen seines Vaters.

Aber immer öfter lag der richtige Satz bereits bereit, bevor er überhaupt zum Nachdenken kam.

Und jedes Mal, wenn er sicher klang und die anderen zustimmend nickten, fiel es ein wenig leichter zu glauben, dass Matthias schon immer genauso gedacht hatte.

Kapitel 8. Der zehnte Mai

Am zehnten Mai wurde Matthias vom Läuten der Kirchenglocken geweckt. Im ersten Moment dachte er, es sei Sonntag. Dann fiel ihm ein: Freitag. Er lag auf dem Rücken, starrte an die Decke und versuchte herauszufinden, woher das Läuten kam, als draußen im Flur die schnellen Schritte seines Vaters zu hören waren. Wenige Sekunden später wurde das Radio eingeschaltet. Laut. So laut hörte Karl es nur an besonderen Tagen.

Matthias sprang aus dem Bett. In der Küche stand seine Mutter bereits im Morgenmantel am Tisch und hielt mit einer Hand das zerzauste Haar zurück. Karl beugte sich über den Empfänger. Es war von der Westgrenze die Rede. Von deutschen Truppen. Von Belgien. Den Niederlanden. Luxemburg. Matthias hörte mitten im Zuknöpfen seines Hemdes auf.

„Es hat angefangen?“

Niemand antwortete. Er trat näher. Aus dem Radio kam eine feierliche Stimme. Deutsche Truppen hätten die Grenzen überschritten. Das Vorgehen sei notwendig gewesen. Deutschland habe gewarnt. Deutschland sei dazu gezwungen worden. Deutschland reagiere auf eine Bedrohung.

Matthias hörte eine Reihenfolge, die ihm bereits vertraut war. Die Wörter waren andere als im September, doch sie fügten sich beinahe auf dieselbe Weise zusammen. Bedrohung. Notwendigkeit. Antwort. Verteidigung. Er ertappte sich dabei, dass er manche Wendung vorausahnte, noch bevor der Sprecher sie aussprach.

Karl schaltete das Radio aus. Er drehte es nicht leiser. Er schaltete es aus.

„Warum?“, fragte Matthias.

Karl sah auf die Uhr. „Du musst in die Schule.“

„Aber gleich kommt bestimmt noch etwas.“

„Bestimmt.“

„Und wenn es etwas Wichtiges ist?“

Sein Vater nahm eine Zigarette vom Tisch, steckte sie aber nicht an. „Von jetzt an wird es eine ganze Weile nur Wichtiges geben.“

Anna stand noch immer reglos da. Matthias sah sie an.

„Ist Erich dort?“

Sie zuckte zusammen. Erst jetzt begriff er, dass sie genau daran gedacht hatte.

„Ich weiß es nicht.“

„Er ist doch im Westen.“

„Ich weiß, wo er ist.“

Es kam schärfer heraus, als sie beabsichtigt hatte. Sofort wandte sie sich ab. Karl trat zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Seine Einheit kann in Reserve geblieben sein.“

„Kann sein.“

„Wir wissen nichts.“

„Eben.“

Matthias schwieg. Die Erregung, mit der er in die Küche gekommen war, war nicht verschwunden. Aber nun stand etwas anderes daneben. Erich. Bis zu diesem Augenblick hatte die Offensive im Westen als ein großes Ereignis existiert. Pfeile. Armeen. Staaten. Jetzt befand sich irgendwo in einem dieser Pfeile sein Bruder.

Vielleicht.

Matthias mochte dieses Wort nicht. Aber ein anderes gab es nicht.

Auf den Straßen summte die Stadt vor Gesprächen. Nicht laut. Nicht festlich. Die Menschen blieben an Zeitungskiosken stehen, redeten vor Geschäften, lasen die ausgehängten Meldungen. Auf dem Weg zur Schule hatte Matthias das Gefühl, zu etwas viel Wichtigerem zu spät zu kommen als zum Unterricht.

Vor Bremers Bäckerei standen fünf Männer. Einer hielt eine Zeitung in der Hand.

„Durch Belgien“, sagte er.

„Wie beim letzten Mal.“

„Nicht ganz.“

„Durch die Ardennen gehen sie, wirst schon sehen.“

Matthias verlangsamte den Schritt. Er wollte mehr hören.

„Roth!“

Er drehte sich um. Heinz winkte von der anderen Straßenseite.

„Hast du es gehört?“

Matthias lief hinüber. „Natürlich.“

„Mein Vater sagt, jetzt ist alles ganz schnell vorbei.“

„Das sagt er immer.“

„Weil er Bescheid weiß.“

„Was weiß er denn?“

„Mehr als du.“

Matthias schnaubte. „Mein Bruder ist dort.“

Die Worte klangen gewichtiger, als er erwartet hatte. Heinz hörte sofort auf zu grinsen.

„An der Front?“

„An der Westgrenze.“

„Dann kommt er jetzt bestimmt dran.“

Matthias verspürte einen seltsamen Anflug von Stolz. Gleich darauf Sorge.

„Nicht unbedingt.“

„Wieso?“

„Vielleicht sind sie Reserve.“

Er wiederholte die Worte seines Vaters. Heinz zuckte die Schultern.

„Trotzdem großartig.“

Matthias sah ihn an. Vor ein paar Monaten hätte er selbst genau dasselbe gesagt. Jetzt störte ihn das Wort plötzlich.

„Was soll daran großartig sein?“

„Na ja … dein Bruder ist dort.“

„Und?“

„Er ist ein richtiger Soldat.“

„Das war er vorher auch schon.“

„Aber jetzt ist der Krieg richtig.“

Matthias wollte etwas entgegnen. Ihm fiel nichts ein. Sie gingen weiter.

Herr Schulze kam mit einer Karte ins Klassenzimmer. Damit war sofort klar, dass es keinen gewöhnlichen Unterricht geben würde. Die Karte wurde vor die Tafel gehängt. Westeuropa. Matthias kannte es schlechter als Polen. Frankreich wirkte riesig. Belgien klein. Die Niederlande noch kleiner.

Der Lehrer nahm den Zeigestock.

„Heute Morgen hat eine Operation begonnen, deren Bedeutung ihr erst später ganz verstehen werdet.“

Er sprach feierlich. Nicht wie ein Lehrer. Eher wie ein Rundfunksprecher. Matthias hörte zu. Die deutsche Armee sei den Gegnern zuvorgekommen. Frankreich und Großbritannien wollten das Reich erdrosseln. Die kleinen Staaten ließen zu, dass ihr Gebiet gegen Deutschland benutzt werde. Nun habe die deutsche Führung zuerst gehandelt.

„Wer kann mir sagen, warum Geschwindigkeit entscheidend ist?“

Heinz hob die Hand.

„Damit der Feind keine Zeit hat, sich vorzubereiten.“

„Richtig.“

Herr Schulze zeigte auf die Karte. Er sprach über Eisenbahnen. Flüsse. Befestigungen. Die Maginot-Linie. Es war interessant. Sehr sogar. Der Krieg wurde wieder verständlich. Es gibt ein Hindernis. Man muss es umgehen. Es gibt einen Gegner. Man muss ihm zuvorkommen. Es gibt ein Ziel. Man muss es erreichen.

Matthias betrachtete die Karte und spürte, wie die Unruhe des Morgens zurückwich. Wenn alles so gründlich geplant war, wusste auch Erich, was er zu tun hatte. Die Armee war groß. Die Kommandeure wussten Bescheid. Der Führer wusste Bescheid. Die Generäle wussten Bescheid. Jeder war an seinem Platz.

Wie sehr er das glauben wollte.

In der Pause drängte sich die Klasse um die Karte.

„Von hier“, sagte Kurt.

„Nein, weiter nördlich.“

„Bist du jetzt General?“

„Und du?“

Matthias trat dazu. Heinz fragte sofort:

„Wo ist Erich?“

„Ich weiß es nicht genau.“

„Und der Brief?“

„Ist schon eine Weile her.“

„Vielleicht ist er längst in Belgien.“

Matthias sah auf die Karte. Belgien. Eine kleine Fläche. Wie viele Kilometer lagen zwischen diesem Punkt und ihrem Haus? Er versuchte es auszurechnen. Es gelang ihm nicht. Bisher hatte Entfernung einen Weg bedeutet. Mit dem Fahrrad. Mit dem Zug. Zu Fuß. Jetzt bedeutete Entfernung auch die Zeit, die eine Armee brauchte, um sie zurückzulegen.

Plötzlich sah er Erich nicht auf einem Foto und nicht in einer Kaserne, sondern auf einer fremden Straße, das Gewehr in der Hand. Ein echtes Gewehr. Diesmal nicht auf dem Weg zu einer Schießscheibe.

Matthias trat von der Karte zurück.

„Was ist?“, fragte Heinz.

„Nichts.“

Die ersten Meldungen waren überwältigend. Niederlande. Belgien. Luxemburg. Übergänge. Luftlandetruppen. Vormarsch. Jeder Morgen begann mit dem Radio. Jeder Abend endete damit. Matthias holte wieder seine Stecknadeln hervor. Die alte Polenkarte reichte nicht mehr. Er bat seinen Vater um eine neue.

„Wozu?“

„Zum Verfolgen.“

„Was willst du verfolgen?“

„Die Front.“

Karl sah ihn lange an. Dann sagte er: „Im unteren Schrankfach liegt ein Atlas.“

Matthias fand ihn und breitete ihn aus. Frankreich. Belgien. Niederlande. Am ersten Abend saß er beinahe eine Stunde darüber, hörte den Wehrmachtbericht, suchte Ortsnamen und versetzte die Nadeln. Karl kam vorbei und blieb stehen.

„Schon wieder?“

„Was?“

„Generalstab spielen.“

Matthias lächelte nicht.

„Ich will wissen, wo Erich ist.“

Sein Vater wurde sofort ernst. „So findest du das nicht heraus.“

„Aber wenn seine Einheit …“

„Wir kennen weder den Verband noch die Richtung noch den Auftrag.“

„Du weißt doch, wo er war.“

„Wo er war. Vor einer Woche.“

Matthias stieß eine Nadel gereizt in die Karte.

„Wie soll man es dann überhaupt erfahren?“

„Auf einen Brief warten.“

„Und wenn lange keiner kommt?“

Karl schwieg. Die Antwort war offensichtlich. Warten. Matthias hasste es, warten zu müssen, wenn nichts von ihm abhing.

„Wissen die wenigstens, wo die Soldaten sind?“

„Wer?“

„Die Führung.“

„Natürlich.“

„Dann ist doch alles in Ordnung.“

Karl sah ihn an. „Was genau soll in Ordnung sein?“

„Sie verlieren die Leute doch nicht einfach.“

Sein Vater schloss für einen Moment die Augen. Matthias merkte, dass er etwas Falsches gesagt hatte.

„So habe ich das nicht gemeint.“

„Ich weiß.“

Karl trat an die Karte.

„Die Armee weiß tatsächlich, wo ihre Verbände sind.“ Er fuhr mit einem Finger über das Papier. „Das heißt aber nicht, dass sie jeden einzelnen Mann bewahren kann.“

Matthias starrte ihn an.

„Wozu ist dann die Führung da?“

Sein Vater wandte sich zu ihm.

„Um einen Auftrag zu erfüllen.“

„Welchen?“

„Den, den man ihr gegeben hat.“

„Und die Menschen?“

Karl schwieg kurz. „Die führen ihn aus.“

Es klang zu einfach. Matthias mochte die Antwort nicht.

„Erich auch?“

„Erich auch.“

Zum ersten Mal dachte Matthias über den Unterschied zwischen dem Wort Armee und dem Namen Erich nach. Eine Armee konnte erfolgreich vorrücken. Und gleichzeitig konnte Erich etwas Schlimmes zustoßen. Diese beiden Dinge widersprachen sich nicht.

Bis zu diesem Tag hatte Matthias geglaubt, sie täten es.

Neun Tage lang kam kein Brief. Anna zählte nur die ersten drei laut. Danach hörte sie damit auf. Doch jedes Mal, wenn Schritte im Treppenhaus zu hören waren, hob sie den Kopf. Jedes Mal. Matthias bemerkte es. Karl auch. Niemand sagte etwas.

Am zehnten Tag kam eine Postkarte.

Matthias kam aus der Schule und sah seine Mutter schon von der Treppe aus. Sie stand in der offenen Wohnungstür und lächelte.

„Von ihm.“

Matthias rannte hinauf.

„Wo?“

„Hier.“

Sie hielt die Karte mit beiden Händen.

„Lebt er?“

Die Mutter sah ihn seltsam an. „Natürlich.“

Das Natürlich kam zu schnell. Matthias bemerkte es nicht. Er nahm ihr die Karte aus der Hand.

„Vorsichtig!“

Erichs Handschrift. Nur ein paar Zeilen.

Mir geht es gut. Wir sind unterwegs. Wo ich bin, darf ich nicht schreiben. Macht euch keine Sorgen, wenn länger keine Post kommt. Hier ändert sich alles sehr schnell. Mama, wirklich, mach dir keine Sorgen. Grüße an Papa. Und Matthias sag, seine Karte wird ihm trotzdem nicht helfen.

Matthias las den letzten Satz noch einmal.

„Woher weiß er das?“

Anna lachte. „Weil er dich kennt.“

Matthias musste ebenfalls lächeln. Zum ersten Mal seit zehn Tagen fühlte sich die Wohnung wieder leicht an. Sogar die Luft schien anders. Am Abend kochte die Mutter etwas, das es sonst nur sonntags gab. Karl brachte eine Flasche Wein mit.

„Wozu die?“, fragte Matthias.

„Weil wir heute dürfen.“

„Erich ist doch noch gar nicht zurück.“

Sein Vater sah Anna an. „Aber er hat geschrieben.“

Das genügte.

Ein paar Tage später rückte die Front so schnell vor, dass Matthias mit den Stecknadeln kaum noch hinterherkam. Ein Ortsname folgte auf den anderen. Sedan. Maas. Ardennen. Kanal. Küste. Jeden Tag entstand eine neue Linie.

Heinz war begeistert.

„Siehst du?“

Er stieß den Finger auf die Schulkarte.

„Sie sind schon hier!“

„Ich sehe es.“

„Die Franzosen sind abgeschnitten.“

„Ich sehe es.“

„Das ist doch genial.“

Matthias nickte. Auch ihm kam es genial vor. Keine Verteidigung hatte geholfen. Keine Linie. Die deutsche Armee zog dort hindurch, wo man sie nicht erwartet hatte. Geschwindigkeit. Entschlossenheit. Risiko. Alles, was man ihnen bei Spielen und Märschen beigebracht hatte, existierte plötzlich im riesigen Maßstab.

Matthias stellte sich die Panzer vor, die nach vorn stießen. Lastwagen. Kolonnen. Brücken. Flugzeuge. Er spürte beinahe körperliche Begeisterung.

Dann erinnerte er sich daran, dass Erich irgendwo darin war.

Die Begeisterung verschwand nicht. Aber sie bekam eine Kante.

Eine scharfe.

Ende Mai fiel im Radio immer häufiger der Name Dünkirchen. Matthias suchte die Stadt auf der Karte und legte einen Finger darauf.

„Hier?“

Karl nickte. „Hier.“

„Sie sind eingekesselt?“

„Sieht so aus.“

„Dann ist es vorbei.“

Sein Vater sagte nichts.

„Was?“

„Nichts.“

„Papa.“

„Ich habe längst gelernt, bei solchen Meldungen ein wenig zu warten.“

„Warum?“

„Weil der Krieg selten genau das tut, was man von ihm erwartet.“

Matthias betrachtete wieder die Karte. Das Meer. Ein kleiner Küstenstreifen. Sehr viele Truppen. Er kannte nur das Gesamtbild. Nicht die Menschen.

Das Gesamtbild sah großartig aus.

Genau das bekam er zu sehen.

Zwei Wochen später schrieb Erich wieder. Diesmal war der Brief länger. Anna las ihn laut vor. Die ersten Zeilen waren gewöhnlich. Er lebte. Es ging ihm gut. Er war müde. Sie marschierten viel. Schliefen wenig. Das Essen war mal besser, mal schlechter. Die Füße taten weh.

Dann kam der Satz:

Matthias will bestimmt wissen, ob ich inzwischen richtig geschossen habe. Ja. Habe ich.

Die Mutter hielt inne. Matthias spürte, wie sein Herz kräftiger schlug.

Karl sagte: „Lies weiter.“

Anna las:

Daran ist nichts Interessantes, also soll er keine Geschichten erwarten.

Matthias runzelte enttäuscht die Stirn. Danach schrieb Erich schon über etwas anderes. Über eine Straße. Einen verlassenen Bauernhof. Eine Kuh, die niemand melken konnte, bis sich herausstellte, dass einer der Männer aus Bayern Bauernsohn war. Darüber, wie sechs erwachsene Männer um das Tier herumgestanden und Ratschläge gegeben hatten.

Anna lächelte.

Matthias dachte noch immer an die beiden Sätze.

Ja. Habe ich.

Richtig.

Er wartete, bis der Brief zu Ende gelesen war.

„Gib mal.“

Anna reichte ihn ihm. Matthias fand die Stelle und las sie selbst. Dieselben Worte. Kein Satz mehr.

„Warum schreibt er nichts?“

Karl verstand sofort.

„Worüber?“

„Na … was passiert ist.“

„Weil er nicht will.“

„Warum nicht?“

„Frag ihn.“

„Habe ich doch.“

„Dann hast du deine Antwort bekommen.“

„Das ist keine Antwort.“

Karl sah seinen Sohn an. „Manchmal ist auch die Weigerung, über etwas zu sprechen, eine Antwort.“

Matthias war anderer Meinung. Wenn jemand etwas Wichtiges erlebt hatte, warum sollte er es nicht erzählen? Vor allem seinem Bruder. Vor allem, wenn der Bruder es unbedingt wissen wollte. Es fühlte sich beinahe unfair an.

Erich ließ ihn wieder draußen stehen.

Im Juni kam die Nachricht von Paris. Matthias erfuhr es noch vor der Schule. Zeitungsjungen riefen auf der Straße. Die Leute kauften Sonderausgaben. Auf der Titelseite stand ein einziges Wort, das keiner Erklärung bedurfte.

PARIS.

Die letzten hundert Meter zur Schule rannte Matthias. Nicht weil er zu spät war. Er wollte der Erste sein, der es sagte.

Im Klassenzimmer wussten sie es längst.

Heinz stand auf einer Bank.

„Paris gehört uns!“

„Steig da runter, du Idiot.“

„Uns!“

Kurt lachte. Sogar Fritz, der sonst immer ruhig war, grinste.

Herr Schulze kam herein. Heute rügte er niemanden. Er sagte nur:

„Setzt euch.“

Alle nahmen Platz. Der Lehrer blieb einen Augenblick vor der Tafel stehen.

„Es gibt Tage, an die ein Mensch sich sein ganzes Leben erinnert.“

Matthias hielt den Atem an. Einen ähnlichen Satz hatte er schon gehört. Über Polen. Über andere Ereignisse. Heute klang er überzeugend.

Paris. Paris selbst. Eine Stadt aus Schulbüchern und Romanen. Aus der Geschichte. Jetzt waren deutsche Soldaten dort. Vielleicht würde auch Erich in Paris einmarschieren. Vielleicht war er schon dort.

Der Gedanke machte es fast unmöglich, ruhig zu sitzen.

Nach dem Unterricht wurde die Gruppe auf dem Platz zusammengerufen. Krüger sprach über den Sieg. Selbst er wirkte erregter als sonst.

„Ihr erlebt Geschichte.“

Matthias liebte diesen Satz.

Ihr erlebt Geschichte.

Genau das geschah. Nicht einfach Tage. Geschichte. Und er befand sich mitten darin. Vielleicht noch am Rand. Vielleicht noch zu jung. Aber er sah sie. Merkte sie sich. Nahm wenigstens dadurch teil, dass er zu diesem Volk gehörte.

Frankreich kapitulierte schneller, als Matthias es sich hatte vorstellen können. Als der Waffenstillstand verkündet wurde, füllte sich die Stadt wieder mit Fahnen. Auf dem Platz spielte eine Kapelle. Menschen gratulierten einander. Fremde Männer schüttelten sich die Hände. Frauen lächelten. Die Zeitungen schrieben vom größten Sieg. Herr Schulze erzählte, Deutschland habe die Demütigung der Vergangenheit gerächt. Krüger sagte, die junge Generation müsse sich diese Stunde einprägen.

Matthias prägte sie sich ein.

Gern.

Karl ging nicht zur Feier.

„Warum?“, fragte Matthias.

„Ich will nicht.“

„Alle gehen.“

Sein Vater sah ihn an. Matthias hörte selbst das Wort.

Alle.

Karl sagte nichts. Das ärgerte ihn nur noch mehr.

„Erich hat doch auch gewonnen.“

„Ja.“

„Dann musst du dich freuen.“

„Ich freue mich, dass er lebt.“

„Nicht nur darüber.“

Karl schwieg einen Augenblick.

„Matthias, ist es dir wirklich so wichtig, dass ich genau das empfinde, was du für das Richtige hältst?“

Der Junge war verunsichert.

„Nein.“

„Dann geh.“

Matthias ging mit seiner Mutter.

Auf dem Platz war es wunderbar. Musik. Fahnen. Ein warmer Sommerabend. Offene Fenster. Menschen Schulter an Schulter. Jemand hatte ein kleines Kind auf dem Arm. Neben ihnen wischte sich ein alter Mann über die Augen.

Als die Menge zu singen begann, sang Matthias mit. Laut. So laut, bis seine eigene Stimme nicht mehr einzeln zu hören war.

На страницу:
8 из 10