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Verwirrung der Gefühle / Смятение чувств. Книга для чтения на немецком языке
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„Heute?“ sie runzelte erstaunt und abweisend die Stirne. „Heute abreisen? Was sind das für lächerliche Ideen… und nur weil dir die Herren unsympathisch sind… Du musst ja nicht mit ihnen verkehren.“

Er stand noch da, die Hände flehentlich erhoben. „Ich kann es nicht ertragen, habe ich dir gesagt… ich kann nicht, ich kann nicht. Frag mich nicht weiter, ich bitte dich… aber glaube mir, ich kann es nicht ertragen… ich kann es nicht. Einmal tut mir etwas zuliebe, ein einziges Mal für mich…“

Darüben hatte das Klavier wieder zu hämmern begonnen. Sie blickte auf, von diesem Schrei wider Willen gefasst; aber wie unsagbar lächerlich sah er aus, der kleine dicke Mann, das Gesicht rot wie vor einem Schlagfluß, die Augen wirr und verquollen, die Hände aus zu kurzen Ärmeln zitternd ins Leere erhoben: es war peinlich, ihn so jämmerlich stehen zu sehen. Das mildere Gefühl erstarrte im Wort:

„Das ist unmöglich“, entschied sie, „für heute haben wir ihnen die Ausfahrt zugesagt… und morgen abreisen, wo wir für drei Wochen gemietet haben… man machte sich ja lächerlich… ich sehe nicht den mindesten Anlass für eine Abreise… ich bleibe da und Erna auch…“

„Und ich kann gehen, nicht wahr?… ich störe ja hier nur… störe nur euer… Vergnügen.“

Mit diesem dumpfen Aufschrei zerhieb er ihr den Satz mitten im Wort. Sein geduckter, massiger Leib hatte sich aufgebäumt, Hände waren Fäuste geworden, auf der Stirn zitterte gefährlich die Ader des Zornes. Noch wollte etwas heraus aus ihm, Wort oder Schlag. Aber plötzlich wandte er sich mit einem Ruck, stolperte rasch und immer rascher mit seinen schwerfälligen Beinen zur Treppe und hastig wie ein Verfolgter die Stufen hinauf.

Der alte Mann keuchte hastig die Stufen hinauf: nur in das Zimmer jetzt, allein sein, sich bändigen, die Nerven niederpressen, nichts Unsinniges tun! Schon hatte er das obere Stockwerk erreicht, da – es war, als risse ihm von innen her eine glühende Kralle die Eingeweide auf – da taumelte er plötzlich kalkweiß an die Wand. Oh, dieser rasende, brennendknetende Schmerz; er musste die Zähne zusammenpressen, um nicht laut herauszuschreiben. Stöhnend krümmte sich der überfallene Leib.

Sofort wusste er, was ihn betroffen: ein Gallenkrampf, einer dieser furchtbaren Anfälle, wie sie in letzter Zeit ihn oft gequält, nie aber noch mit einer so teuflischen Marter wie diesmal. „Keine Aufregungen“, hatte der Arzt gesagt – im gleichen Augenblick fiel es ihm ein, mitten im Schmerz. Und mitten im Schmerz höhnte er sich ingrimmig noch selbst. „Leicht gesagt, keine Aufregungen… soll’s mir einmal vormachen, der Herr Professor, wie man sich nicht aufregt, wenn man… oh… oh…“

Der alte Mann wimmerte, so glühend wühlte die unsichtbare Kralle im gefolterten Leib. Mit Mühe schleppte er sich bis zur Tür seines Salons, stieß sie auf und fiel hin auf die Ottomane, die Zähne in die Kissen verbeißend. Im Liegen ließ der Schmerz sofort ein wenig nach, die heißen Nägel griffen nicht mehr so teuflisch tief in die grausam wunden Eingeweide. „Einen Umschlag sollte ich mir machen“, erinnerte er sich, „die Tropfen nehmen, dann wird es gleich besser.“

Aber niemand war da, ihm aufzuhelfen, niemand.

Und er selbst hatte keine Kraft, sich in das andere Zimmer zu schleppen oder auch nur bis zur Klingel hin.

„Niemand ist da“, dachte er erbittert, „wie ein Hund werde ich einmal krepieren… denn ich weiß ja, was da weh tut, das ist nicht die Galle… das ist der Tod, der in mir wächst… ich weiß, ich bin ein geschlagener Mann, und keine Professoren, keine Kuren können mir helfen… mit funftmdsechzig Jahren wird man nicht mehr gesund… ich weiß, was da bohrt und wühlt in mir, das ist der Tod, und die paar Jahre, die mir noch bleiben, das wird nicht mehr Leben sein, nur Sterben, nur Sterben… Aber wann, wann habe ich denn gelebt?… gelebt für mich, für mich selbst?… Was war das für ein Leben: immer nur Geld gescharrt, Geld, Geld, immer nur für andere, und jetzt, was hilft es mir jetzt?… Eine Frau habe ich gehabt, als Mädchen habe ich sie genommen, ihren Leib hab ich aufgetan, und ein Kind hat sie mir geboren; Jahr für Jahr hat man gleichen Atem getan im gleichen Bett… und jetzt, wo ist sie jetzt… ich erkenne ihr Gesicht nicht mehr… ganz fremd redet sie zu mir und denkt nie an mein Leben, an all das, was ich fühle und leide und denke… ganz fremd ist sie mir seit Jahr und Jahr… Wo ist das hingegangen, wo ist das hin… und ein Kind hat man gehabt… aus den Händen ist sie einem gewachsen, ich hab geglaubt, hier fängt man noch einmal an zu leben, heller, glücklicher, als es einem selber vergönnt war, hier stirbt man nicht ganz… und da geht sie nachts von einem weg und wirft sich Männern hin… Nur mir allein werd’ ich sterben, nur mir allein… denn für die ändern bin ich schon gestorben… Mein Gott, mein Gott, nie war ich so allein…“

Die Kralle griff manchmal grimmig zu und ließ dann wieder nach. Aber der andere Schmerz hämmerte immer tiefer in die Schläfen hinein; die Gedanken, diese harten, diese spitzen, unbarmherzig heißen Kieselstücke stachen in die Stirn: nur nicht denken jetzt, nur nicht denken! Der alte Mann hatte Rock und Weste aufgerissen – plump und unförmig zitterte der geblähte Leib unter dem gebauchten Hemd. Vorsichtig presste er die Hand auf die schmerzende Stelle. „Nur was da weh tut, bin ich“, fühlte er, „nur das bin ich, einzig nur dieses Stück heißer Haut… und einzig, was da innen umwühlt, nur das gehört noch mir, das ist meine Krankheit, mein Tod… nur das bin ich… das heißt nicht Kommissionsrat mehr und hat nicht Frau und Kind und Geld und Haus und ein Geschäft… und nur das allein da ist wirklich, was ich mit den Fingern fühle, mein Leib und das Heiße in ihm innen, das weh tut… Alles andere ist Narrheit, hat keinen Sinn mehr… denn was da weh tut, tut nur mir allein weh… was mich sorgt, sorgt nur mich allein… sie verstehen mich nicht mehr und ich nicht mehr sie… ganz allein ist man mit sich selbst, nie hab ich’s so gespürt. Jetzt aber weiß ich’s, wo ich daliege und den Tod wachsen fühle unter der Haut, jetzt zu spät, im fünfundsechzigsten Jahr, knapp vor dem Verrecken, jetzt, indes sie tanzen und Spazierengehen oder sich umhertreiben, diese ehrlosen Weiber… jetzt weiß ich’s, dass ich nur ihnen gelebt, die mir’s nicht danken, und nie, nicht eine Stunde, mir selber… Aber was gehen sie mich noch an… was gehen sie mich noch an… wozu an sie denken, die nie an mich denken?… Lieber krepieren, als von ihnen Mitleid nehmen… was gehen sie mich noch an…“

Nach und nach, schrittweise zurückweichend, ließ ihn der Schmerz: nicht mehr so krallig, nicht mehr so glühend griff diese grimmige Hand in den Leidenden hinein. Aber irgendein Dumpfes blieb, kaum als Schmerz mehr fühlbar, etwas Fremdes drückte und drängte, das nach innen seinen Stollen grub. Der alte Mann lag mit geschlossenen Augen und lauschte angespannt auf dies leise Zerren und Zehren: ihm war, als höhlte diese fremde, unbekannte Macht erst mit spitzem, jetzt mit stumpferem Werkzeug etwas in ihm aus, als lockerte und löste sich, Faser um Faser, etwas in seinem verschlossenen Leib. Es riss nicht mehr so wild. Es tat nicht mehr weh. Aber doch, etwas schwelte und faulte da leise innen, etwas fing an abzusterben. Alles, was er gelebt, alles, was er geliebt, verging in dieser langsam zehrenden Flamme, brannte schwarz und schwelend, ehe es mürb und verkohlt niederfiel in einen lauen Schlamm von Gleichgültigkeit. Etwas geschah, er spürte es dumpf, etwas geschah, indes er so lag und leidenschaftlich sein Leben überdachte. Etwas ging zu Ende. Was war es? Er lauschte und lauschte in sich hinein.

Und allmählich begann der Untergang seines Herzens.

Er lag, geschlossenen Auges, der alte Mann, in dem dämmernden Zimmer. Halb wachte er noch, halb träumte er schon. Und da, zwischen Schlummer und Wachen, schien es dem wirr Fühlenden so: ihm war, als sickerte von irgendwo (von einer Wunde, die nicht schmerzte und die er nicht wusste) ein Feuchtes, ein Heißes leise nach innen, als blute er sich aus in sein eigenes Blut. Es tat nicht weh, dies unsichtbare Fließen, es strömte nicht stark. Nur ganz langsam wie Tränen rinnen, rieselnd und lau, so fielen die Tropfen herab, und jeder von ihnen schlug mitten ins Herz. Aber das Herz, das dunkle, gab keinen Ton, still sog es dies fremde Geström in sich ein. Wie ein Schwamm sog sich’s an, wurde schwerer und schwerer davon, schon schwoll es an, schon quoll es auf in dem engen Gefüge der Brust. Allmählich voll und übervoll vom eigenen erfüllten Gewicht begann es leise nach abwärts zu ziehen, die Bänder zu dehnen, an den Muskeln, an den straffen, zu zerren, immer lastender drückte und drängte das schmerzhafte Herz, riesenhaft groß schon, hinab, der eigenen Schwere nach. Und jetzt (wie weh das tat!), jetzt löste das Schwere sich los aus den Fasern des Fleisches – ganz langsam, nicht wie ein Stein, nicht wie fallende Frucht; nein, wie ein Schwamm, vollgesogen von Feuchtem, sank es tiefer, immer tiefer hinab in ein Laues, ein Leeres, irgendwo hinab in ein Wesenloses, das außer ihm selber war, eine weite, unendliche Nacht. Und mit einem Male wurde es grauenhaft still an der Stelle, wo eben noch dies warme, quellende Herz gewesen: etwas gähnte dort leer, unheimlich und kalt. Es klopfte nicht mehr, es tropfte nicht mehr: ganz still war es innen geworden, ganz tot. Und hohl und schwarz wie ein Sarg wölbte sich die schauernde Brust um dies stumm-unbegreifliche Nichts.

So stark war dieses Traumgefühl, so tief die Verworrenheit, dass der alte Mann, als er aufdämmerte, unwillkürlich hingriff an die linke Brust, ob er sein Herz nicht mehr in sich hätte. Aber, gottlob! da schlug noch etwas, dumpf und rhythmisch unter dem tastenden Finger, und doch war’s, als wäre dies nur tauber Schlag ins Leere und sein Herz weg. Denn sonderbar: es schien mit einemmal ihm der eigene Leib wie von sich weggetan. Kein Schmerz zerrte mehr, kein Erinnern zuckte mit gefoltertem Nerv, alles war stumm da innen, starr und versteint. „Wie ist das?“ dachte er, „eben hat mich so vieles gequält, eben war das Innen da noch heiß überdrängt, eben zuckte noch jede Fiber. Was ist mir geschehen?“ Wie in ein Hohles horchte er hinein, ob das Frühere sich nicht rührte. Aber ganz weit war dies Rieseln und Rauschen, dies Tropfen und Klopfen – er horchte und horchte – , nichts, nichts, nichts hallte zurück. Nichts quälte mehr, nichts quoll mehr auf, nichts schmerzte mehr: leer und schwarz wie die Höhlung eines ausgebrannten Baumes musste das da innen sein. Und mit einemmal war ihm, als ob er schon gestorben wäre oder etwas in ihm gestorben, so grauenhaft stumm stockte das Blut. Kalt wie ein Leichnam lag unter ihm sein eigener Leib, er hatte Angst, ihn anzufühlen mit der warmen Hand.

Der alte Mann horchte in sich hinein: er hörte nicht, dass immer wieder die Glocken vom See ihre Stunden herein in sein Zimmer schlugen, jede in mehr Dämmerung gehüllt. Rings um ihn wuchs schon die Nacht, Dunkel strich die Dinge aus dem wegfließenden Raum; selbst der hellere Himmel im Viereck des Fensters erlosch vollkommen in Finsternis. Der alte Mann merkte es nicht, er starrte nur in das Schwarze in sich, er horchte nur in das Leere in sich hinein wie in den eigenen Tod.

Da endlich brach ins Nachbarzimmer Gelächter und Übermut, Licht flammte nebenan – ein Strahl davon spritzte durch die nur angelehnte Tür. Der alte Mann schreckte auf: seine Frau, seine Tochter! Gleich würden sie ihn hier auf dem Ruhebett finden, ihn fragen. Eilig knöpfte er sich Rock und Weste: was brauchten sie von seinem Anfall zu wissen, was ging es sie an?

Aber die beiden Frauen suchten ihn nicht. Sie hatten Eile offenbar, ungestüm hämmerte der Gong seine dritte Ladung zum Diner. Sie richteten sich anscheinend her: der Lauschende hörte durch die offen Türe jede Bewegung. Jetzt schoben sie die Läden auf, jetzt legten sie leise klirrend die Ringe auf die Waschtische, jetzt polterten Schuhe zu Boden, und zwischendurch redeten sie: jedes Wort, jede Silbe ging grauenhaft verständlich dem Horchenden ins Ohr. Erst sprachen und spotteten sie über die Herren, über kleinen Zufall der Fahrt, durchaus Leichtes und Lockeres im stolpernden Durcheinander während dieses Sich-Waschens und Bückens und Putzens. Da plötzlich schwenkte das Gespräch auf ihn über.

„Wo ist denn Papa?“ hatte Erna gefragt, voll Verwunderung, so spät an ihn zu denken.

„Wie soll ich’s wissen“ – das war die Stimme der Mutter, sofort verärgert bei der bloßen Erwähnung. „Wahrscheinlich wartet er unten in der Halle und liest zum hundertstenmal die Kurse in der Frankfurter Zeitung – sonst interessiert ihn ja nichts. Glaubst du, dass er sich den See überhaupt nur angesehen hat? Es gefällt ihm hier nicht, hat er mir heute mittag gesagt. Heute, wünschte er, sollten wir noch abreisen.“

„Heute noch abreisen?… Ja, warum denn?“ Das war wieder Ernas Stimme.

„Ich weiß nicht. Wer kennt sich in ihm aus. Unsere Gesellschaft konveniert ihm nicht, die Herren stehen ihm offenbar nicht zu Gesicht – wahrscheinlich fühlt er selbst, wie schlecht er zu ihnen passt. Wirklich eine Schande, wie er herumgeht, immer die Kleider zerdrückt, mit offenem Kragen… Du solltest ihn doch aufmerksam machen, wenigstens abends sich ein bisschen soignierter zu halten, auf dich hört er ja. Und heute vormittag… ich habe geglaubt, ich müsste in die Erde sinken, wie er den Tenente wegen des Feuerzeugs anfuhr…“

„Ja, Mama… was war das?… Ich wollte dich schon fragen… Was war das mit Papa?… So habe ich ihn nie gesehen… ich bin wirklich erschrocken.“

,Ach was, schlechte Laune war es… wahrscheinlich sind die Kurse gefallen… oder weil wir Französisch gesprochen haben… Er kann es nicht vertragen, wenn andere vergnügt sind… Du hast’s ja nicht bemerkt: während wir tanzten, stand er an der Tür wie ein Mörder hinter dem Baum… Abreisen! Auf der Stelle abreisen! und nur weils ihm plötzlich so beliebt… Wenns ihm hier nicht gefällt, soll er doch uns unsere Freude lassen… aber ich kümmere mich nicht um seine Launen, er soll sagen und tun, was er will.“

Das Gespräch stockte. Offenbar war während des Redens die Abendtoilette beendet: ja, die Tür wurde geöffnet, jetzt gingen sie aus dem Zimmer, der Kontakt knackte, das Licht erlosch.

Der alte Mann saß ganz still auf der Ottomane[27]. Er hatte jedes Wort gehört. Aber sonderbar: es tat nicht mehr weh, gar nicht mehr weh. Das, was früher gehämmert und gerissen, dies wilde Uhrwerk, stand ganz still in der Brust, es musste zerbrochen sein. Nichts zuckte auf an dieser scharfen Berührung. Kein Zorn, kein Hass… nichts… nichts… Ruhig knöpfte er die Kleider zu, tappte vorsichtig die Treppe hinab und setzte sich hin an ihren Tisch wie zu fremden Menschen.

Er sprach nicht zu ihnen an jenem Abend, sie beide wiederum merkten das wie Fäuste geballte Schweigen nicht. Ohne Gruß ging er dann wieder in sein Zimmer, legte sich zu Bett und löschte das Licht. Viel später erst kam seine Frau von heiterer Unterhaltung; da sie ihn schlafend meinte, kleidete sie sich im Dunkel aus. Bald hörte er ihre schweren, unbesorgten Atemzüge.

Der alte Mann, allein mit sich selbst, starrte offenen Auges in das grenzenlos Leere der Nacht. Neben ihm lag etwas im Dunkel und atmete tief: er bemühte sich zu erinnern, dass dieser Körper, der da gleiche Luft des gleichen Zimmers trank, derselbe war, den er jung und glühend gekannt, der ihm ein Kind gegeben, ein Körper, ihm verbunden durch das tiefste Geheimnis des Bluts; immer wieder zwang er sich, zu denken, dass dies Warme und Weiche nebenan, das er mit der Hand anrühren konnte, einmal Leben gewesen in seinem Leben. Aber sonderbar: dies Erinnern erregte kein Gefühl mehr. Und er hörte diese Atemzüge nicht anders, als von dem offenen Fenster die murmelden kleinen Flutwellen, die glucksend an den Kieseln des Ufers schmatzten. All das war ferne und wesenlos, nur mehr ein Nebenan, ein Zufälliges und Fremdes: vorbei, für immer vorbei.

Einmal zitterte er noch auf: ganz leise und schleicherisch ging nebenan die Tür vom Zimmer der Tochter., Also heute wieder“ – einen kleinen heißen Stich noch fühlte er in dem schon totgemeinten Herzen. Eine Sekunde zuckte da etwas wie ein Nerv, ehe er ganz abstirbt. Dann war auch dies vorbei: „Mag sie tun, was sie will! Was geht sie mich noch an!“

Und der alte Mann legte sich wieder zurück in das Kissen. Weicher drängte das Dunkel an die schmerzenden Schläfen, schon sickerte blaue Kühle wohltätig ins Blut. Und bald überschattete ein dünner Schlummer die entkräfteten Sinne.

Als die Frau morgens erwachte, sah sie ihren Mann schon in Mantel und Hut. „Was tust du da?“ fragte sie noch schlaftrunken.

Der alte Mann wandte sich nicht um, gleichmütig stopfte er noch Nachtzeug in den Handkoffer. „Du weißt ja, ich fahre zurück. Ich nehme nur das Nötigste mit, das andere könnte ihr mir nachschicken.“

Die Frau schrak auf. Was war das? So hatte sie seine Stimme nie gehört: ganz kalt, ganz starr stieß jedes Wort sich aus den Zähnen. Mit beiden Beinen fuhr sie aus dem Bett. „Du willst doch nicht abreisen?… warte… wir fahren doch auch, ich habe es schon Erna gesagt… „

Aber er winkte nur heftig ab. „Nein… nein… Lasst euch nicht stören.“ Und ohne sich umzusehen, tappte er zur Tür. Die Klinke niederzudrücken, musste er den Koffer für einen Augenblick auf den Boden stellen. Und in dieser einen zuckenden Sekunde erinnerte er sich: tausendmal hatte er so den Musterkoffer vor fremder Tür abgestellt, ehe er mit rückgewendetem Bückling hinausging, servil[28] sich für weitere Aufträge empfehlend. Aber hier hatte er keinerlei Geschäft mehr: so unterließ er jeden Gruß. Ohne Blick, ohne Wort hob er die Reisetasche wieder auf und schlug klirrend die Klinke zwischen sich und sein früheres Leben.

Sie verstanden nicht, Mutter und Tochter, was geschehen war. Aber das auffällig Brüske und Entschlossene dieser Abreise beunruhigte beide. Sofort schrieben sie ihm Briefe, umständlich erklärende, ein Missverständnis vermutende, beinahe zärtliche, in die süddeutsche Heimat nach, fragten voll Sorge, wie er gereist, wie er angekommen sei, erklärten sich plötzlich nachgiebig und jederzeit bereit, den Aufenthalt abzubrechen. Er antwortete nicht. Sie schrieben dringlicher, sie telegraphierten: keine Antwort kam. Nur vom Geschäft aus traf die Summe ein, die einer der Briefe als nötig erwähnt: eine Postanweisung mit Firmastempel ohne eigenhändiges Wort, ohne Gruß.

Ein so unerklärlicher und drückender Zustand ließ sie die Heimreise beschleunigen. Obwohl telegraphisch angemeldet, erwartete sie niemand am Bahnhof, auch zu Hause trafen sie alles unvorbereitet: der alte Mann hätte zerstreut, wie die Dienstleute versicherten, die Depesche auf dem Tisch liegen gelassen und sei ohne Weisung weggegangen. Abends, sie saßen schon beim Essen, hörten sie endlich die Haustüre: Sie sprangen auf und ihm entgegen. Er starrte sie überrascht – offenbar hatte er die Depesche vergessen – , doch ohne den Ausdruck besonderen Gefühls an, duldete gleichmütig die Umarmung der Tochter, ließ sich in das Speisezimmer fuhren und erzählen. Aber er stellte keine Fragen, sog stumm an seiner Zigarre, antwortete manchmal karg, manchmal überhörte er die Fragen und Ansprache: es war, als ob er mit offenen Augen schliefe. Dann hob er sich schwer auf und ging in sein Zimmer.

Und so blieb es in den nächsten Tagen. Vergeblich versuchte die beunruhigte Frau eine Aussprache: je aufgeregter sie in ihn drang, um so drückerischer wich er aus.

Irgend etwas in ihm war versperrt, war unzugänglich geworden, ein Zugang vermauert. Noch speiste er mit ihnen bei Tisch, saß, wenn Gesellschaft war, eine Zeitlang schweigend und in sich vergraben dabei. Aber er nahm an nichts Anteil mehr, und wenn die Gäste mitten im Gespräch zufällig in seine Augen sahen, hatten sie ein peinliches Gefühl, denn da starrte ein toter Blick ganz seicht und stumpf über sie hinaus.

Auch dem Fremdesten fiel bald die zunehmende Sonderbarkeit des alten Mannes auf. Schon begannen die Bekannten heimlich sich anzustoßen, begegneten sie ihm auf der Straße: da schlich der alte Mann, einer der Reichsten der Stadt, wie ein Bettler die Mauer entlang, den Hut schief und zerdrückt, den Rock mit Zigarrenasche bestäubt, bei jedem Schritt sonderbar schwankend und meist halblaut zu sich selber murmelnd. Grüßte man ihn, so hob er den erschreckten Blick, redete man ihn an, so starrte er leer dem Sprechenden entgegen und vergaß, ihm die Hand zu reichen. Zuerst meinten manche, der alte Mann sei ertaubt, und wiederholten lauter die Worte. Aber dies war es nicht, sondern er brauchte immer Zeit, sich selbst aus einem innern Schlaf zu holen, und mitten im Gespräch noch fiel er in eine sonderbare Verlorenheit wieder zurück. Dann loschen mit einemmal die Augen aus, er brach hastig ab und stolperte weiter, ohne die Überraschung des ändern zu bemerken. Immer schien er aus einem dumpfen Traum, aus einem verwölkten Mit-sich-selbst-Beschäftigtsein emporgestört: die Menschen, man sah es, lebten nicht mehr für ihn. Er fragte nach niemandem, merkte im eigenen Haus nicht die dumpfe Verzweiflung der Frau, die ratlose Frage der Tochter. Er las keine Zeitung, hörte in kein Gespräch; kein Wort, keine Frage durchdrang die trübe verhangene Gleichgültigkeit seines Wesens auch nur für einen Augenblick. Selbst seine eigenste Welt wurde ihm fremd: sein Geschäft; manchmal saß er noch stumpf im Kontor, Briefe zu unterschreiben. Aber wenn der Sekretär nach einer Stunde kam, die signierten Blätter zu holen, fand er den alten Mann genau so, wie er ihn verlassen, mit dem gleichen leeren Blick die ungelesenen Briefe überträumend. Schließlich merkte er selbst seine Überflüssigkeit und blieb völlig weg.

Das Seltsamste und für die ganze Stadt Verwunderlichste aber war: der alte Mann, der nie zu den Gläubigen der Gemeinde gehört hatte, begann mit einemmal fromm zu werden. Gleichgültig sonst gegen alles, und bei Tisch und Verabredung immer unpünktlich, versäumte er doch niemals, zu gebotener Stunde in den Tempel zu gehen: dort stand er, in schwarzer Seidenkappe, den Gebetmantel um die Schultern, an immer demselben Platze, dem gleichen, wie einstmals sein Vater, und wiegte den müden Kopf psalmodierend hin und her. Hier, im halbverlassenen Raum, wo die Worte fremd und dunkel um ihn dröhnten, war er am besten mit sich allein, eine Art Frieden kam hier über seine Wirre und sprach dem Dunkel zu in der eigenen Brust; wurden aber Totengebete gelesen und er sah die Verwandten, die Kinder, die Freunde eines Abgeschiedenen in ergriffen geübter Pflicht und mit immer neuer Beugung und Beschwörung für den Hingeschiedenen Gottes Milde anrufen, dann wurden ihm manchmal die Augen trüb: er war der Letzte, er wusste es. Niemand würde für ihn ein Gebet sprechen. Und so murmelte er andächtig mit und dachte an sich selbst dabei wie an einen Toten.

Einmal, spät abends, kam er von solch verworrener Wanderung zurück, da fiel mittwegs Regen über ihn her. Der alte Mann hatte wie immer seinen Schirm vergessen, Wagen standen bereit für billiges Entgelt, Haustor und gläserne Vordächer boten Schutz vor der rasch zerströmenden Wolke, aber der Sonderliche wankte und schwankte gleichgültig im Triefenden weiter. Im zerdrückten Hut sammelte sich ein durchsickernder Tümpel, die tropfenden Ärmel strömten ganze Bäche auf den eigenen Schritt: er achtete nicht darauf und trottete weiter, der einzige fast auf der menschenverlassenen Straße. Und so, durchnäßt und triefend, einem Landstreicher ähnlicher als dem Herrn dieser vornehm wartenden Villa, erreichte er die Einfahrt seines Hauses gerade im Augenblick, als ein Automobil mit weithin vorgeschüttetem Licht hart an ihm stoppte, bei dem Rückstoß noch wässerigen Kot auf den unachtsamen Fußgänger schleudernd. Der Schlag wurde aufgerissen, aus elektrisch beleuchtetem Coupe stieg eilig seine Frau, hinter ihr mit deckendem Schirm irgendein vornehmer Besuch und ein zweiter Herr; knapp vor der Tür stießen sie zusammen. Die Frau erkannte ihn und erschrak, als sie ihn in diesem Zustand gewahrte, triefend, zerknüllt, wie ein aus dem Wasser gezogenes Bündel; unwillkürlich wandte sie den Blick. Der alte Mann verstand sofort: sie schämte sich seiner vor den Gästen. Und ohne Regung, ohne Erbitterung ging er, um ihr das Peinliche eines Vorstellens zu ersparen, wie ein Fremder die paar Schritte weiter bis zur Dienertreppe: dort bog er demütig ein.

Von diesem Tag an benutzte der alte Mann in seinem eigenen Hause immer nur noch die Dienertreppe: hier war er gewiss, niemandem zu begegnen. Hier störte er nicht, hier störte niemand ihn. Auch von den Mahlzeiten blieb er weg – eine alte Magd brachte ihm das Essen in sein Zimmer; versuchte einmal die Frau oder seine Tochter bei ihm einzudringen, so murrte er sie mit verlegener und doch unbesiegbarer Gegenwehr hastig wieder fort. Schließlich ließen sie ihn allein, man gewöhnte sich ab, nach ihm zu fragen, und er fragte nach nichts. Oft hörte er Gelächter und Musik aus den ändern, ihm schon fremden Räumen durch die Wände sikkern, hörte draußen Wagen vorfahren und wegknattern bis tief in die Nacht. Aber so gleichgültig war ihm das alles, dass er nicht einmal aus dem Fenster blickte: was ging es ihn an? Nur der Hund kam noch manchmal herauf und legte sich vor des Vergessenen Bett.

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