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Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen
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Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen

Язык: Немецкий
Год издания: 2017
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Dein Vater und FreundB. B.2. Dezember 1888.

Liebe Bergliot, das ist ein schöner Vorsatz, an dem Du festhalten mußt, uns jeden Montag zu schreiben. – Deine Briefe machen uns immer Freude. Von allem, was Du erzählst, hat nichts mich so gefreut, wie daß Du nicht lange aufbleibst abends. Wenn Du daran festhalten kannst, wenigstens als Regel, so daß das andere zur seltenen Ausnahme wird, so hast Du darin ein Kräftigungsmittel, besser als die meisten anderen. – Du erzählst nichts davon, wie Du lebst. Du ißt doch gut bei „Deiner alten Dame“ – und genug? Erzähl’ mir das besonders, und verdient sie es, dann grüße sie herzlich. Für Dein Geld, d. h. für das, was Du selbst verdienst, mußt Du Musik hören; für Deinen Unterhalt und Deine Kunst sollst Du genug bekommen. – Ich möchte gerne hören, ob Frau Lürig dafür einsteht, daß das, was so eine deutsche (oder französische) Sängerin Dir sagt, auch wirklich so gemeint ist; nicht bloß gesagt als Aufmunterung oder Schmeichelei. Ist Frau Lürig der Ansicht, die andere habe wirklich das gemeint, was sie sagt, dann wünschen auch wir es zu erfahren. – Was wirst Du in dem Kirchenkonzert singen? Ich habe es nicht recht verstanden. Und was ist es für eine Kirche? Das macht mir viel Freude. – Gestern, an Mutters Geburtstag, machten wir eine Spazierfahrt in unserm, mit blauem Samt ausgeschlagenen Breitschlitten, mit unserm Bärenfell und zwei Pferde vor, und Erling kutschierte. Aber Mutter hat solche Angst jetzt vor dem Fahren, daß ich sie kaum wiederkenne. – Ich lasse Dir Ibsens neues Buch schicken; es scheint großzügig zu sein und auch milder als die vorhergehenden. Ich habe eine patriotische Freude an dem Glück, das er macht als bahnbrechender Dramatiker. – Mir selbst geht es gut mit dem Schreiben augenblicklich; Du wirst seinerzeit Freude daran haben, wenn Du es liest. – Im übrigen herrscht hierzulande eine Reaktion und eine Engherzigkeit, die alles übersteigt, was ich bisher für möglich gehalten habe. Aber wir müssen wieder lichtere Zeiten zuwege bringen. Jeder, der durch Kunst Schönheit und Lebensfreude in unser Leben legt, arbeitet dafür. Wir werden unsre Zeitgenossen erleuchten und erwärmen, und so beharrlich darin sein, daß wir durch den Dunst und Staub vermodernder Vorzeitsüberbleibsel des Glaubens und der Sitten und der materiell und pietistisch versauerten Erde strahlend durchdringen.

Dein Freund Vater.Aulestad, 12. Dezember 1888.

Liebe, süße Bergliot, Dank für den Geburtstagsgruß und Dank im voraus für die Büste. – Du schreibst, daß ich zu streng bin gegen Dr. N. N. Ja, wieso? Ein besseres, edleres Gemüt gibt es nicht; und eine Begabung, so fein und groß und so reif für allumfassendes Denken, daß sie Seltenes leisten könnte. Und eine Liebenswürdigkeit, eine Süße in Wesen und Augen und Lächeln, die ihn unsterblich macht bei allen, über die er sein Bild ausgegossen hat.

Aber vor lauter Selbstreflexion so unsicher, so zersplittert von eitler Gefallsucht, so eingenommen von seinen eignen Einfällen in Selbstbewunderung und der Bewunderung anderer, daß er vor sich selber nicht mehr zur Ruhe kommt. Und, um immer in günstiger Beleuchtung zu stehen, so unwahr, daß er nicht zwei Personen dasselbe erzählt! Er kann sich große Mühe geben, um etwas zu erreichen; aber hat er es erreicht, so ist er dessen in der Regel überdrüssig. Er kann sich auch um einer Laune willen wegwerfen. Eine derartig unruhige Natur ist nie über den Augenblick hinaus glücklich und wird seine Umgebung mit sich reißen. Ja, ich könnte noch lange so weitermachen. Es gibt wenige Menschen, die ich so lieb haben kann, wie solche einschmeichelnde Begabungen, die die des Geistes und des Herzens in gleich hohem Grade besitzen. Aber während ich ihn genieße, weiß ich, daß er meiner bereits müde ist. Und das Gefühl läßt niemals eine Sicherheit aufkommen.

Es hat mich geärgert, daß Du um Dein Kirchenkonzert gekommen bist. Aber es findet sich wohl etwas anderes für Dich, damit Du den Mut zum Auftreten gewinnst. Du vergißt zu erzählen, wie es mit Deinen Trillern geht? Ob Du es erfaßt hast? Hierzu – besonders aber zu der Fertigkeit, den Ton sicher eine Oktave zu schleudern, – dazu gehört eine Hundearbeit für Deine Art Stimme! Und das erfordert eine raffiniertere Natur als die Deine; denn es liegt wenig oder gar keine Virtuosenbegabung in unserer Familie – von meiner Seite eine alte Bauernsippe, und von Mutters Seite ein Gelehrten- und Handwerkerstamm. Soll sie aber trotzdem erreicht werden, so muß den Mangel an Vererbung die unglaublichste Arbeit ersetzen. Und die unermüdliche und doch vorsichtige Art, wie Du es anpackst, muß, glaube ich, zum Ziele führen. – Danke für Zola! Das ist recht! Kaufe alles, was Aufsehen macht! Hast Du je einen Menschen gekannt wie „die Frau vom Meere“? Was? – Süße Bergliot, laß uns bald von Dir hören.

Dein Freund Vater.Januar 1889.

Liebe Bergliot, das „mit Seele singen“ beruht nicht allein darauf, daß man selbst „Seele“ hat, die Gabe poetischer Interpretation von Wort und Musik besitzt, es beruht darauf, daß einer (oder eine) gearbeitet hat. Solange das Technische noch Schwierigkeiten macht, ist es außerordentlich schwer, mehr zu erreichen als das Technische; man hat nicht Zeit zu mehr; man wird gehemmt durch das Bestreben, es „richtig“ zu machen; das übrige muß gehen, wie es will. Aber wenn das Technische überwunden ist, dann beginnt dem der „Geist“ der Sache aufzugehen, der Gefühl dafür hat. Dieses „Gearbeitet-Haben“, so daß man in jedem einzelnen Teil Herr ist über das Technische, und dabei die seelische Offenbarung vom Sinn des Stückes hat, das ist Vorbedingung des „mit Seele Singen“. Wer ungeheuer viel studiert und viel Musik gehört hat, kommt leichter dazu; schließlich ist das Technische in dem Maß überwunden, daß man vom ersten Augenblick an einzig mit dem Geist des Stückes beschäftigt ist; für alle aber gilt es, im Augenblicke der Wiedergabe außerdem „aufgelegt“ zu sein, die Inspiration (Beseelung) des Vortrags aus der Macht des momentanen Gefühls zu schöpfen. Wer ein persönliches Leben lebt, wer gebildet ist, so daß sein (oder ihr) Verständnis feiner und mannigfaltiger ist, legt natürlich mehr hinein, als jemand, der bloß alle Kunstgriffe kennt und alle Variationen bei hundert anderen Künstlern gehört hat. Einzig die ursprünglichen Individuen sind es, die dauernd zu erschüttern vermögen; niemand sonst.

Die „reichen“ Naturen, die, welche das große Talent in den tausend Geschehnissen des Lebens geübt haben, deren Herz weich, deren Verstand scharf, deren Mut sicher geworden ist in Kämpfen ohne Zahl, die meistern sich selbst, wo sie auch stehen, sie beherrschen das „Aufgelegtsein“ wie Geister, die ihnen Untertan sind; denn das allein heißt: in sich selbst zu Hause sein, ohne daß andere einen stören können.

Vor allem, Bergliot, will das „nicht mit Seele Singen“ nur besagen, daß entweder das Stück so schwer ist oder Dir so neu und ungewohnt, daß Du nicht in seinen Geist eingedrungen bist, oder auch, daß Du nicht genügend gearbeitet hast, oder daß im Augenblick etwas Dir im Wege steht, so daß Du nicht all das herausbringst, was Du sonst in das Stück hineinlegst.

Ich rate Dir, versuch’ in den Geist jedes einzelnen Stückes auf Deine eigne Weise einzudringen und Dich nicht eher zufrieden zu geben; niemals aufzuhören bei dem ausschließlich Technischen. Je öfter Du auf diese Weise Dich selbst erwärmt hast, um so wahrer machst Du es zuletzt. Um so leichter fällt es Dir von Stück zu Stück.

Gestern bekam ich einen Brief von Franz Beyer, Griegs bestem Freund und Nachbar, mit den flehentlichsten Bitten, „Olav Tryggvason“ für ihn fertig zu schreiben. Ja, so ist es; alle wollen sie mich ausnutzen, alle, alle. Ich soll bei allem mit dabei sein, für die Interessen aller. – Kürzlich erhielten wir einen ungemein wichtigen Brief von Ejnar, er gibt gute Ratschläge für den Kampf des Tages hier daheim; als ob er von China aus eingreifen könnte! – Björn hat zwei rasend amüsante Sachen im Dagbl. geschrieben unter der Spitzmarke „Ein Zivilist“.

Ja, nun reißen sie mir den Brief weg. Hier ist Schneesturm; man sieht nicht zwanzig Ellen weit. Nett.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, jetzt bekommst Du den „Professor“! „Die Unversöhnlichen“ von Garborg ist gar nichts wert. – Wir lesen täglich Kiellands Blatt; es ist geschmeidig, flüssig und klug geschrieben. Er ist offenbar für Politik veranlagt. Gerade jetzt zeigt er sichere Gewandtheit, während seine ganze Familie sich insolvent erklärt hat; es sieht aus, als wollten sie wieder festen Fuß fassen, und dabei wird er von allen seinen mannigfaltigen Kräften als Leiter einer Zeitung unterstützt. Vielleicht glückt es. „Monogamie und Polygamie“ ist in 11000 Exemplaren verkauft und verkauft sich ständig weiter, also Gift für Bohémiens.

Meine liebe Bergliot, die Sache mit Deinem Heimweh ist wohl auch ein bißchen Verzärtelung, weil Du niemanden hast, an den Du Dich anschließen kannst. In dieser Hinsicht ist Paris auch sonderbar; man kann jahrelang dort leben und kommt nirgendwo hinein. Oder es ist unsre eigne Schuld. Ich schrieb an Sansot, er solle Dich aufsuchen, vielleicht tut er es. – Danke dem lieben Werenskjold für seinen Brief. Dank’ ihm für all seine Güte und Treue in dem alten, schweren Jahr, ihm wie seiner Frau! Ich bin so überbürdet mit Briefen und so gedankenleer, mitten in meiner Schreiberei, daß es ihm nicht ein Jota nützte, wenn er einen Brief von mir bekäme. Nicht ein Jota. – Denke Dir, jetzt ist es erwiesen, daß noch bis ins vorige Jahrhundert Frauen in allen Handwerken vertreten waren (wie noch heute in Frankreich!); die Bürgerbriefe wurden auf Mann und Frau ausgestellt, und sie hatte Spielraum für ihre Talente; erst in diesem letzten Jahrhundert ist sie auch hier herausgedrängt worden. Gleichzeitig ist nachgewiesen, daß sie in der ersten christlichen Kirche Pfarrer war, die Sakramente austeilte, taufte, und daß sie erst im 7. Jahrhundert und im Mittelalter überhaupt so gewaltig unrein und sündig wurde, daß sie mit etwas so Heiligem nicht mehr betraut werden konnte. Und zwei Arten von Einflüssen waren es, die diese Ausschließung verursachten, ein heidnischer von dem Griechen Aristoteles her, der „das Männliche“ so hoch hielt, und ein christlicher (eigentlich ein Einfluß, der durch das Judentum in das Christentum kam), wonach die Asketen (die Selbstquäler) das Weib verfluchten. – Aber nun sind wir in dem großen Revolutionsjahr, nun soll es anders werden!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, nur ein paar Worte in aller Eile! Herzlichen Dank für Deine treffenden Briefe, die uns jedesmal so viel Neues erzählen. Du hast doch wohl das siebente und achte Heft von Darwin gelesen. Ist „Die Entstehung der Arten“ ein Weltereignis ersten Ranges, so ist ein so lebensvoller Einblick in die Werkstätte, wo sie geworden ist, einzig in der Weltliteratur. Dieses sei die Einleitung für Deine Lektüre. Es sollen Dir ein paar Bücher von hier zugeschickt werden unter der Bedingung, daß Du sie an Ejnar weiterschickst. Auch werde ich für Dich etwas aus dem „Dagblad“ herausschneiden, das ich übersetzen ließ und zurechtgestutzt habe.

Wir bekommen lange prächtige Briefe von Ejnar, und Du kannst Dir denken, wie es uns freut. Er ist also ebenso frei von aller Art Verlobung wie Du. So kommt sie – falls sie kommen soll – um so reifer und überlegter, so daß Rücksicht auf eine gesunde Familie und gutes moralisches und intellektuelles Erbe genommen wird. So etwas darf nicht länger auf gut Glück und Zufall beruhen. Jonas Lies Buch ärgert mich, weil er mit seinem Talent sich zum Stile Krohgs und Jägers herabgelassen hat, der nur Eintagswert besitzt und einen dürftigen Stoff wie die englischen Blaustrumpf-Romane in die Länge zieht. Das hier sollst Du Werenskjold wortgetreu vorlesen. Und ihn sollst Du grüßen wie meinen Bruder, und sie sollst Du umarmen und küssen von mir. Peters älteste zwei Mädels sind hier zu Besuch bei den zwei jüngsten. Sie sind ganz prächtig allesamt, und ich denke bei mir selbst – wenn auch in unserer Familie Fehler sein mögen wie in den meisten – , stolz und innerlich wahr ist sie von Grund aus. – Wie herrlich es jetzt hier ist, das spottet jeder Beschreibung mit Feder und Pinsel; das mußt Du Werenskjold sagen. Noch ist der norwegische Winter nicht geschildert, nicht vom Landschafts- noch Figurenmaler, und am allerwenigsten vom Klein- oder Stillebenmaler. Nein, bloß ein winziges Stück umzäunten Hofes mit Aussicht auf die Baumstämme eines Hügels, wo sie so dicht stehen, daß der Schnee nicht auf den Boden durchschlüpfen kann! Grüß’ Inga!

Dein Freund VaterB. B.

Liebe Bergliot, rasend wenig Zeit; aber ich muß mich schriftlich darüber ärgern, daß Du zur Belustigung der Skandinavier mitbeiträgst, was nie etwas anderes gewesen ist als undankbar, und niemals zu etwas anderem geführt hat als zu schlechter, ekelhafter Kritik und Feindseligkeit und Mißgunst. Es war ja doch abgemacht, daß etwas Derartiges nie vorkommen sollte. Und jetzt stehst Du mitten drin, und ich bin sicher, Du hast hinterdrein nur Ärger davon. – Nun liegt nur wenig Schnee noch längs der Wege unten auf dem Moor, sonst alles kahl. Wir haben die Maurer gehabt, die Kuhstall- und die Pferdestallmauer frisch verputzt, den Keller aufgebrochen, den inneren mit dazu genommen und zum Weinkeller gemacht, man geht längs der Mauer gegen Süden hinein, gleich unterhalb der winzigen Kammer, in der das Piano steht. Der Wein liegt unter der Stube, wo Keilhau und Arve schliefen. Nun kommen die Maler, und da sollen die Gesindestube und Oles Zimmer in stand gesetzt werden. – Mit meinem Schreiben geht es gut augenblicklich und ich bin in blendender Stimmung. – Jedesmal, wenn ein Brief von Dir kommt, ist das unser Höchstes! Ist es aber bloß Gewäsch, so sitzen wir da wie die begossenen Pudel! Also das mußt Du zu vermeiden suchen. – Erbärmlicher als es jetzt seit einer Weile hierzulande war und ist in Moral und Politik, kann es nicht sein, sollte man denken. Doch ich habe schlimmere Zeiten erlebt. Ich habe das unredliche Regiment der Rechten erlebt, mit bloß einem Drittel des Volkes, die aber doch die Macht nicht aus den Händen geben wollte, ehe sie Bürgschaft dafür hatte, daß sie auch weiterhin die Macht behielte, wenigstens das zu verhindern, was sie nicht zu fördern wünschte. Und was wir schrieben, war Dreck, und wofür wir arbeiteten, war Sünde, und wir selber waren schlechte Kerle. Ich werde in mein Grab steigen müssen als ein schlechter Mensch – in der Vorstellung eines Drittels der Leute, mit denen ich in meinem Vaterland zusammenlebe. Das ist, was mich betrifft, das Ergebnis des langen Kampfes. Und gerade als wir gesiegt hatten, und die herrschende Mehrheit waren, spaltete sich auch dieser Haufe in zwei Teile; und wiederum sieht ein Drittel von ihnen mich für einen schlechten Kerl an. So steht es. – Der Hof bringt nichts ein, weder unter dem einen Verwalter noch unter dem andern. Ich muß Löhne und Maschinen und Saatkorn zu all dem andern bezahlen; der Hof wirft nur das Essen und die Kleider ab. Auf die eine oder andre Weise muß hier Wandel geschaffen werden. – Hier daheim ist es sehr gemütlich; das neue Gesinde einfach entzückend, und es geht so gut, – wenn es sich bloß auch lohnte! Aber für Dich in Paris bezahlen, und den Hof hier, und dann die Schuldenlast darauf, das wird etwas zu viel für Deinen Freund und Vater. Trotzdem – es geht schon! – Ja, leb wohl denn! Gute Fortschritte, keine skandinavischen Narrenspossen, Arbeit und gute Musik, voilà!

Dein Freund Vater.3. Februar 1889.

Liebe Bergliot, Du mußt ja nicht glauben, daß die Zeiten jetzt unsittlicher sind, als sie früher waren. Sie sind viel besser! Was Frankreich betrifft, so existieren Memoiren, die die größte Unsittlichkeit nachweisen, bis in die Klöster hinein; das ist heute unmöglich. Und eine Menge ähnliche Dinge, die ich nicht herbeten mag. Aber die Frau hat eine Stellung im Handwerk gehabt, die sie später verloren hat.

Ich für mein Teil glaube an einen Kreuzzug gegen die Unsittlichkeit wie jetzt gegen den Alkohol. Aber noch ist die Zeit nicht gekommen, obwohl immer mehr Gemüter begreifen, daß es die Gesundheit des Geschlechts gilt.

Seitdem ich das letztemal schrieb, bin ich auf einer Volksversammlung gewesen und habe da eine der besten Reden gehalten, die ich je gehalten habe (für allgemeines Stimmrecht). Hätte ich nur Zeit und die Mittel dazu, so würde ich für die Sache im Lande herumreisen. Knut Forr ist hier gewesen, der aus Fron, ein angenehmer Mensch. – Morgen wollen wir fort nach Rindal in Fåberg (auf der andern Seite des Mjösen), das ganze Haus und der Gustum. Kommen Montag Morgen zurück. Wir haben viel Ausfahrten heuer gemacht. „Geographie und Liebe“ hat großen Erfolg in Kristiania gehabt; das hat mich mächtig gefreut. – Jeden Abend spielen wir jetzt Boston; es ist sehr gemütlich. – Für die Uhr, die Du kaufen willst, wollen wir gern das Geld auslegen, falls Du es wünschst; aber sie wird natürlich, wie alle solche alten Uhren, schlecht gehen, so daß es Dich einmal ein neues Werk kosten wird, und das sind wieder an die 300 frs. – Wenn Du Krieg oder Revolution in Frankreich befürchtest, so irrst Du. Es kommt bei dem Ganzen nichts heraus als viel Lärm. Du kannst Cavling von mir bestellen, es sei eine Schande von ihm, Äußerungen hinzuwerfen, wie die, daß Gambetta scrutin de liste haben wolle, um Diktator zu werden; das zeigt, wie leichtsinnig er schreibt. Gambetta tat es nur, um der Unsitte ein Ende zu machen, daß die Deputierten ihren Wählern alles mögliche versprachen; er dachte, wenn zehn bis zwanzig Deputierte in einem ganzen Departement gewählt würden, so hätte es ein Ende damit und also auch mit dem Übelstand, daß sie wie ein Alp auf den Ministern lagen, um durchzusetzen, was sie ihren Wählern versprochen hatten. Aber freilich – Verzeihung! – alle die in einem Departement Gewählten machen es jetzt so, daß sie untereinander austauschen, was jeder von ihnen versprochen hat, und womit sie die Minister plagen wollen, – und so ist dasselbe Elend wieder da! – Sag’ ihm das! Und füg’ hinzu, daß er in der Regel teufelswenig weiß von dem, worüber er schreibt; aber in Stil und Esprit nimmt er beständig zu. Alle Menschen müssen ihn lesen.

Hat Mutter Dir erzählt, daß wir eine mächtig feine neue Stute gekauft, und die alte verkauft haben? Andre Neuigkeiten vom Hofe weiß ich nicht. Doch! daß wir eine neue Bergliot im Kuhstall haben; die alte wollte bloß schön sein und nicht recht Milch geben. Nun werden wir sehen, ob die neue ihres Namens würdiger ist. Nein, wie ich es Dir gönnte, wieder einen norwegischen Winter zu sehen! Du kannst Dir solche Pracht gar nicht vorstellen! Ich werde in dem neuen Buche eine Reihe Schilderungen bringen, also erspare ich sie mir hier im Brief. – Karen war ziemlich unentschieden, ob sie bleiben sollte oder nicht. Nun wird sie bleiben, und es wird ihr zu Ehren auf dem Rollboden ein Ball gegeben, worauf sich das ganze Haus freut, d. h. sein jüngerer Teil. – Ich möchte gern wissen, was Mad. Marchesi über Deine Stimme sagt. Schreibe gleich! Du hast jetzt eine ganze Zeitlang nichts von den Fortschritten geschrieben, die Du machst, z. B. im Trillern. – Und was Du über Arve schreibst, ist zu wenig. Wie verhielt er sich zu den anderen Schülern Marzicks und zu Marzick selbst? Maßstab! Und hat sein Spiel mehr Feinheit gewonnen, mehr sichere Gleichmäßigkeit? An diesen beiden Dingen fehlte es letztesmal. Erzähl’ genau und ausführlich. Und was sagt Marzick von ihm?

Nein, was dieser Keilhau für ein netter, guter Junge ist! Aber schwächlich. Er hat einen Schwindelanfall usw. gehabt, einfach Nikotinvergiftung. Nun hat er den Tabak ganz aufgegeben. Er raucht überhaupt nicht mehr. Er geht stark mit dem Gedanken um, nach Drontheim zu gehen als Redaktionssekretär bei „Dagsposten“. In diesem Falle gibt er sein Studium auf. Ich weiß auch nicht, was er damit soll, wenn sein Lebensberuf einen ganz andern Weg einschlägt. – Von zu Hause muß ich Dir erzählen, daß „Han“ und die Katze „Mons“ sich sterblich in sich verliebt haben; sie können einander keinen Augenblick in Frieden lassen. Sie lecken sich und spielen zusammen auf Schritt und Tritt. Aber „Han“ ist ein Bummelköter geworden, der sich auf allen Höfen herumtreibt. – Ja, diesen Brief mußte ich schreiben, weil Mutter keine Zeit hatte; jetzt stehen sie alle – Sonntag morgen – und warten auf mich; die Pferde sind angespannt; wir wollen fort nach Rindalen. Leb’ wohl und verlobe Dich nicht! Verlieb’ Dich auch nicht, außer in Deinen Gesang.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, Deinen letzten nervösen Brief empfangen und gelesen; gleichzeitig einen sehr nervösen auch von Björn. Ja, das ist ein Fehler bei Euch, daß Ihr so seid; aber das hängt wohl zusammen mit dem Geistigen und dem Gefühlsstarken, mit dem, was die Seele der Kunst ist. – Wir amüsieren uns hier daheim, daß ich Bruun durchprügle. Ja, diesmal soll er Haue haben, Haue, Haue. Jetzt bin ich daheim und den Zeitungen ebenso nahe wie er. Du wirst auch Deinen Spaß daran haben, wenn Du die Zeitungen siehst. – Mein Buch schreitet rasch vorwärts; ich hoffe, ich werde zu rechter Zeit fertig. – All diese Schweinerei, die hier zutage tritt; diese Roheit, mit der sie das Gefühl unterdrücken wollen und das Recht des Stärkeren predigen! Wo käme die Welt hin, wenn es Gesetz würde, daß ich das Recht hätte, einen Mann zu töten, den ich für unnütz hielte, bloß damit ich dadurch das Geld zu etwas Nützlichem bekäme? Wer sollte zuletzt Richter sein darüber, was „nützlich“ ist?

Mir graut nicht vor dem, was kommt; die Kräfte müssen drauf losstürmen; so lange die Reichen ihr Recht so fürchterlich mißbrauchen, wie sie es tun, müssen die Vernichtungskräfte arbeiten. Aber ich weiß, welches die Fortschrittslinie ist, und daß die Menschen niemals darüber hinauskommen. – Du solltest Mutter in diesen Tagen unten im Mistkeller stehen sehen, wie sie ihren Mistprinzen Mist aufladen sieht! Nun ja, er ist auch tüchtig, das finden alle; aber Mutters Schwärmerei für ihn kennt keine Grenzen; wenn sie wieder hereinkommt, geht ein Duft von ihr aus, daß wir lachen müssen. – Denk Dir, der Mist im Keller war so eingefroren, daß wir ihn mit Sprengschüssen sprengen mußten und wegfahren wie Steine. Jetzt ist er fort. Noch nie ist es so rasch gegangen mit so wenig Hilfe. Wir sind Nummer eins im Dorf, und das ist Erlings ganzer Ehrgeiz. – Die neue Haushälterin ist eine prächtige und tüchtige Person; ich habe sie Even Toft zur Frau bestimmt. Paß nur auf! – Der Nordrum kalbt jeden Tag, wir essen Biestermilchkäse, Mädel, wie andere frische Milch trinken. Und Kalbfleisch und Kalbfleischsuppe natürlich. – Es ist möglich, daß Du jetzt einen Monat lang keinen Brief von mir bekommst, der Erzählung wegen; ich muß jeden Augenblick ausnutzen. Aber andere werden Dich schadlos halten.

Dein guter Freund Vater.

Liebe Bergliot, Mutter hat sich im Liegen die Hand verstaucht – hast Du schon so was gehört? – Sie kann nicht schreiben. – Jenny ist hier und hat Anna Finsen mit, gestern große Umkalfaterung im Garten, die alten Stachelbeerbüsche weg usw. Neues dafür. – Noch kein Frühling ist, so lang’ ich denken kann, so schön gewesen in Norwegen wie dieser. 16 und 17 Grad Réaumur jeden Tag. Die Hühner im Sommerstall (wir haben fast keine mehr, Erlings Hunde haben sie gefressen; neulich fraß „Han“ noch eines!), die Frühjahrsbestellung fast fertig. – Wir haben die Mitte des Altans wegnehmen müssen und sind auf diese Weise in der Lage, sie reichlich eine Elle vorrücken zu können, so daß wir nun Platz für einen Tisch und doch noch reichlich Platz zum Spazierenlaufen haben. —

Letztesmal schriebst Du einen netten, langen Brief. Nein, daß Du tanzt und Dich amüsierst, dagegen habe ich gar nichts; aber dagegen, daß Du an den öffentlichen Vergnügungen der Skandinavier teilnimmst; davon hat man nichts als Kritik und Undank; bist Du glücklicher dran – um so besser!

Nein, Du sollst Deine Zeit in Paris bleiben und keinerlei Rücksichten nehmen, weder jetzt noch später, wenn es gilt, vorwärts zu kommen.

Hör’ nun auf, Dich um mich zu ängstigen; ich werde schon den Mund auftun, wenn es notwendig ist. Aber ich denke, wir schaffen’s.

Wenn ich jetzt ein Bild vom norwegischen Frühling geben könnte, so wie er in diesem Augenblick durchs Fenster zu mir hereinschaut; und wenn Du’s Werenskjold vorläsest, so käm’ er vielleicht doch hierherauf. Er hätte hier freie Wohnung in selbigem norwegischen Frühling, und falls er es obendrein bleiben lassen wollte, mich zu malen, so wäre mein Glück, ihn und seine Frau hier zu haben, vollkommen. Das Bild der Schnitter den Hang hinauf, – es steht vor mir, o Gott, – wie herrlich das wäre! – In ein paar Tagen lassen wir das Vieh wieder auf die Weide; den Anblick mußt Du einmal wieder genießen. Björn kommt auf eine Spritztour hierherauf und wird es dann sehen. Neulich kamen die kleinen Mädels, die die fremden Schafe wegjagen, bis an den Kuhstall und schrien und lachten, als man just Mittag läutete. Die Kühe fuhren – 40 bis 50 große und kleine – auf hinter den Raufen; aber der Lärm weckte den Stallhund, und der Hund und der Lärm und die Glocke und die Frühlingswärme stiegen den Kühen zu Kopf, erst sprang die eine, dann die andere auf – alle brüllten der Stunde der Befreiung entgegen; ich war in der Nähe; ich dachte, es sei was los; aber es war nichts weiter, als daß alle die Köpfe über die Raufen streckten und nach dem Engel und der Stunde der Befreiung ausschauten, während sie dabei brüllten, was ihre Lungen halten wollten! Die im Kuhstall geborenen, die noch keine Ahnung von Frühling und Weide haben, drängten sich ängstlich aneinander; sie begriffen die Erinnerungen und Hoffnungen ihrer Mütter und Väter nicht und ebensowenig ihre wilden Gebärden. – Meine Lektüre ist zurzeit: die Entwicklungsgeschichte der Moral von Ch. Letourneau, übersetzt von Boye (Schubothes Verlag). Das mußt Du lesen, wenn Du heimkommst; Werenskjold sollte es auch lesen. Danke W. für die Mitteilung von der Geburt seiner Tochter; hol’ mich der Teufel – ich werd’ ihm schreiben. – Hier soll auf Solbakken großes 17. Maifest sein. Arvesen und Björn kommen. Leb’ wohl, süße Bergliot.

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