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50 Meisterwerke Musst Du Lesen, Bevor Du Stirbst: Vol. 2
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50 Meisterwerke Musst Du Lesen, Bevor Du Stirbst: Vol. 2

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Das Pittoreskeste im ständig Pittoresken sind die Bahianerinnen, die mächtigen dunkeläugigen Negerinnen mit ihrer eigenartigen Tracht. Man kann es eigentlich nicht Kostüm nennen, denn Kostüm meint schon ein in bestimmter Absicht oder bei bestimmtem Anlaß getragenes Kleid. Aber die Bahianerinnen, auch die ärmsten, tragen immer ihre Tracht, tragen sie Tag für Tag, und man kann sich keine pompösere erdenken. Sie ist mit nichts vergleichbar, nicht afrikanisch und nicht orientalisch und nicht portugiesisch, sondern alles zugleich. Ein farbiger Turban im Haar, mit raffinierter Kunst geschlungen, rot, grün, gelb, blau oder gefleckt, aber immer grell, eine bunte Bluse wie die der slovakischen und ungarischen Bäuerinnen, darunter glockenförmig ausschwingend ein gesteifter, riesig breiter Rock – man kann den Verdacht nicht loswerden, die Sklavenahnen dieser Negerinnen hätten im Zeitalter des Reifrocks bei ihren portugiesischen Damen diese Krinolinen gesehen und als Sinnbild vornehmer Pracht in ihren billigen Kattunkleidern bewahrt. Ein Tuch noch über die Schulter, dramatisch geworfen, das auch gleichzeitig als Unterlage dient, wenn sie auf dem Haupt die Wasserkrüge oder mächtige Körbe tragen, ein paar klirrende Armbänder aus billigem Metall: so geht jede dieser schwarzen Bahianerinnen, aber jede in anderen Farben, anderen grellen Nuancen durch die Straßen. Doch das Imposante liegt eigentlich gar nicht im Kostüm, es ist die Haltung, in der sie es tragen, ihr Gang, ihr Gehaben. Sie sitzen auf dem Markte oder auf einer schmutzigen Schwelle; aber wie einen Königsmantel schlagen sie den weiten bauschigen Rock unter sich rund, daß sie wie in einer riesigen Blume zu sitzen scheinen. In dieser imposanten Haltung verkaufen diese schwarzen Fürstinnen die allerbilligste Ware auf Erden, kleine, fette oder würzige Bäckereien, die sie an einem Holzkohlenherdchen zubereiten – derart billige kleine Küchelchen und Fischragout, daß ein Blatt Papier, um sie einzuwickeln, schon zu kostspielig wäre. In einem grünen Palmblatt reicht es die schwarze, mit den Armbändern leise klingende Hand einem hin. Und ebenso majestätisch ihr Schreiten wie ihr Sitzen. Auf dem Kopf tragen sie Zentnerlast, Körbe mit Wäsche oder Fischen oder Obst, aber es ist Augenlust zu sehen, wie sie damit durch die Straßen gehen, stolz erhoben der Nacken, die Hände zu beiden Seiten in die Hüften gestützt, den Blick ernst und frei: ein Regisseur, der ein Königsdrama vorbereitet, könnte von diesen schwarzen Fürstinnen des Markts und der Küche viel lernen. Abends wenn man sie sieht in ihren dunklen Küchen, nur farbig erleuchtet von den Flammen, geheimnisvoll eifrig die sonderbaren Gerichte brauend, muß man an vorweltliche Zaubereien denken: nein, es gibt nichts Pittoreskeres als die Negerinnen von Bahia, nichts Bunteres, Echteres, natürlich Belebteres als die Straßen dieser Stadt. Hier und nur hier kennt und versteht man Brasilien.

Kapitel Neun­und­dreißig

Bahia: Kirchen und Feste

Bahia ist nicht nur die Stadt der Farben: sie ist auch die Stadt der Kirchen, Brasiliens Rom. Daß sie so viele besitzt wie Tage im Jahr, mag ebenso eine Übertreibung sein, als daß sich Rio in seiner Bucht von Guanabara 365 Inseln zuzählt. In Wirklichkeit dürften es etwa achtzig sein. Aber sie beherrschen die Stadt. Sonst ist in großen Metropolen die zum Himmel aufragende Linie der alten Kirchen längst überhöht durch die Hochhäuser und modernen Bauten – nichts symbolischer vielleicht als jene alte Kirche bei der Wall Street in New York, die, einstmals die Straße beherrschend, sich ganz verschüchtert in den Schatten der Bankpaläste drückt. In Bahia aber beherrschen die Kirchen noch die Stadt. Sie stehen hoch und imposant auf ihren freien Plätzen, von ihren Klöstern und Gärten umringt, jede einem andern Schirmherrn geweiht, Franciscus, Benedictus oder Ignazius. Mit ihnen hat die Stadt begonnen; sie sind älter als der Palast des Gouverneurs und die vornehmen Häuser. Um sie hat sich die Niederlassung, Gottes Schutz in dem neuen Lande anflehend, geschart, und wenn die Seeleute, die nach Wochen und Wochen zwiefachen Blaus endlich Land erblickten, sahen sie als erstes die fromme Geste der hocherhobenen Türme. Und ihr erster dankbarer Weg ging für die Gnade der glücklichen Überfahrt ihrem Gotte zu danken.

Die mächtigste, nicht die schönste dieser Kirchen ist die Kathedrale, die sich an das alte Kolleg der Jesuiten lehnt, die Kirche der großen Erinnerungen, unter deren Fliesen Mem de Sá, der erste Gouverneur, begraben liegt, und von deren Kanzeln Padre António Vieira gepredigt. Sie ist die erste Brasiliens und wohl auch Südamerikas, deren Eingang mit echtem Marmor bedeckt ist; dieselben Schiffe, die Zucker aus Bahia frachteten, brachten auf der Rückreise den kostbaren Stein zurück. Denn nichts war diesen Männern des Glaubens zu kostbar für ihre Kirchen. Eng und düster, nieder und schmutzig starrten die Straßen, neun Zehntel der dunklen Bevölkerung hauste in Hütten und Mocambos. Aber die Kirche in diesem fernen Land, das keinen Luxus kannte, sollte alle Pracht haben; so brachte man die blauen Terrakotten, die azulejos, um die Wände zu schmücken, das Gold aus Minas Gerais hüllte das dunkle Holz in blendendes Licht. Und dann kam der Wettstreit der Orden. Hatten die Jesuiten eine weiträumige, pompöse Kirche, so wollten die Franziskaner eine noch schönere haben. Tatsächlich ist São Francisco noch reiner, weil schlichter in den Proportionen; welcher Zauber in seinen Klostergängen: die Wände mit Azulejos leuchtend, die Räume mit kostbarem Schnitzwerk aus Jacarandá geschmückt, die Decken getäfelt und in jeder Einzelheit das Walten eines besonnenen kultivierten Geschmacks! Aber auch die Karmeliter wollten ihre Kirche nicht minder schön und die Benediktiner, und dann kamen die Neger und wollten die ihre mit einer dunklen Madonna und dem Heiligen ihrer Farbe; so sind Kirchen und Klöster heute überall, kaum kann man eine größere Straße durchwandern, ohne auf eine zu stoßen, die nicht ihren antiquarischen Reiz hätte. Für jeden Gläubigen, der seine Andacht verrichten wollte, war in der einstigen Kolonie Raum zu jeder Stunde des Tags. Heute sind es dank jenes frommen Wettstreits sogar zuviel der Kirchen, um sie jemals gänzlich zu füllen und man brauchte Tage und Tage, um jede einzelne in all ihren Eigenheiten und Einzelheiten zu bewundern.

Diese Fülle der Kirchen (sie sind in den neueren Städten Brasiliens eher selten im Vergleich zu Europa) überraschte mich. Und ich fragte den freundlichen Geistlichen, der mich begleitete, ob Bahia noch immer wie einst die Stadt der Frömmigkeit sei. Er lächelte leise und sagte: »Ja, die Leute sind hier fromm. Aber sie sind es auf ihre Art.« Ich verstand zuerst nicht, was dies leise begleitende Lächeln meinte; es war nicht absprechend, nicht kritisch. Es deutete nur auf eine besondere Art der Frömmigkeit hin, die nicht ganz mit unserem Begriffe verbindbar ist, und die ich erst in den nächsten Tagen erkannte. Bahia ist von allen großen Städten Brasiliens die dunkelste; wie alles der Vergangenheit hat sie sich auch ihre alte Negerbevölkerung bewahrt und ist noch nicht in dem Maße wie die andern durch europäischen Zustrom aufgefärbt worden. Und die Neger sind seit Jahrhunderten die treuesten, die eifrigsten, die leidenschaftlichsten Anhänger der Kirche gewesen, nur daß die Form der Gläubigkeit auch innerlich bei ihnen einen anderen Farbton aufweist. Für diese naiveren, durch Denkarbeit nicht belasteten neugetauften Afrikaner bedeutete die Kirche nicht einen Ort der Innern Sammlung, des stillen Insichversenkens; am Katholizismus lockte sie die Pracht, das Geheimnisvolle, das Farbige, das Üppige des Ritus, und schon Anchieta berichtete vor vierhundert Jahren, daß die Musik das Beste an Bekehrung bei ihnen vollbringe. Und noch heute ist bei diesem gutmütigen, leicht in seinen Sinnen erregbaren Volk Religion mit Festlichkeit, mit Freude, mit Schauspiel unlösbar verbunden; jeder Umzug, jede Prozession, jede Messe hat für sie etwas Beglückendes. Darum ist Bahia die Stadt der religiösen Feste. Ein Feiertag ist in Bahia nicht bloß eine rotgedruckte Linie im Kalender, sondern wird unwiderstehlich zum Volksfeiertag, zum Schauspiel, und die ganze Stadt setzt ihren Eifer daran, auf irgendeine Weise mitzutun. Wie viele solcher Feste es im Jahre gibt, konnte mir niemand verläßlich sagen, wahrscheinlich weil sich das Volk aus diesem merkwürdigen Mischgefühl von wirklicher Religiosität und Schaufreude immer neue erfindet.

So gehört nicht viel besonderes Glück dazu, in Bahia ein solches Volksfest zu sehen; aber ich hatte dieses Glück und noch dazu an dem Tage, da der Feiertag des Stadtheiligen Bornum gefeiert wird. Dieser im Kalender nicht auffindbare Bomfim hat in Bahia eine eigene Kirche, die etwa anderthalb Stunden abseits der Stadt mit bezaubernder Aussicht auf einem Hügel liegt und während einer ganzen Festwoche den Mittelpunkt der verschiedensten Feierlichkeiten bildet. Rings um den weiten Platz werden die kleinen Herbergshäuser von den bürgerlichen Familien gemietet; man besucht sich dort, man plaudert, man speist im Kreise der Freunde, während das geräumige Viereck inmitten für die vielen Tausenden bestimmt ist, die von der Abendmesse bis zur Morgenmesse hier unter den weißen, milden Sternen sich zu diesem frommen Anlaß in heiterster und ungezwungenster Weise zusammenfinden. Die ganze Front der Kirche strahlt in elektrischem Licht, und im Schatten unter den Palmen bauen sich unzählige Zelte auf, Speise und Trank zu bieten, im Gras kauern vor ihren kleinen Ofchen die schwarzen Bahia-Frauen, um mit ihren tausendfältigen billigen Leckereien das Publikum zu bewirten, und hinter ihnen schlafen, in weiße Laken gewickelt, inmitten des Getriebes ihre Kinder. Karusselle schwingen, es wird promeniert, getanzt, geplaudert, musiziert; von abends bis morgens, von morgens bis abends drängt das Volk heran, um durch die Messe ebenso wie durch ihre sorglose Freude dem Stadtheiligen ihre Reverenz zu erweisen. Aber die eigentliche, die unvergeßliche Zeremonie dieser Woche ist die Kirchenwaschung, die lavagem do Senhor do Bomfim. Charakteristisch schon für Bahia, wie dieser nirgendwo anders geübte Brauch entstanden ist. Die Kirche des Bomfim war ursprünglich eine Negerkirche. Und anscheinend hatte einmal ein Priester der Gemeinde aufgetragen, es gehöre sich doch, am Tage vor dem Fest des Heiligen die Kirche gründlich zu reinigen und den Fußboden mit Wasser zu scheuern. Die schwarzen Christen nahmen den Auftrag gerne an; welch eine gute Gelegenheit für die ehrlich frommen Gemüter, dem Heiligen ihre Liebe und Ehrfurcht zu erweisen! Sie wollten sie natürlich besonders gut fegen und scheuern, jeder war an dem bestimmten Tage zur Stelle, um der Ehre teilhaftig zu sein, dem guten Vater Bomfim sein Haus schön sauber zu fegen. Mit diesem durchaus frommen Bemühen begann es. Aber gemäß ihrem kindlichen, naiven Gemüt verwandelte sich dies Reinemachen der Kirche (wie jeder religiöse Akt) zum Fest. Sie rieben und fegten um die Wette, als wollten sie ihre eigenen Sünden abwaschen, Hunderte, Tausende drängten sich von nah und fern hinzu, immer mehr von Jahr zu Jahr. Und mit einem Mal war aus dem frommen Brauch ein Volksfest geworden, ein so stürmisches, ekstatisches, daß die Geistlichkeit Anstoß daran nahm und es abstellte. Aber der Wille des Volkes nach seinem Fest hat sich das lavagem do Senhor do Bomfim wieder erzwungen; heute ist es ein Fest der ganzen Stadt und eines der eindrucksvollsten, die ich zeitlebens gesehen.

Es beginnt mit einem Festzug, der durch die halbe Stadt den fast zweistündigen Weg nach der Kirche Bomfim zu pilgern hat, denn die ganze Bevölkerung will ihn sehen. Aber es ist ein richtiger Festzug des Volkes, nicht wie in Nizza heute der Karneval ein von Geschäftsleuten zu Reklamezwecken und vom Touristenbüro subventionierter; nichts rührender als eine Primitivität. Auf dem Platz vor dem Markte versammelt sich morgens die ungeduldige Menge zum Ausmarsch: und schon stehen die Lastautos vom Markt, die kleinen Eselskarren, die mit den billigsten Mitteln festlich drapiert werden, erwartungsvoll geschart. Ach, wie rührend primitiv ist dieser Schmuck! Dem Pferd wird die Spitzendecke vom häuslichen Bett umgeworfen, dem Lastwagen mit rotem, grünem, gelbem Seidenpapier die Räder umwickelt, dem Eselchen die Hufe mit Silberfarbe manikürt, den Fäßchen für die Waschung – ganz gewöhnliche Fäßchen vom Markt – mit goldenem Anstrich ein prunkvolles Ansehen gegeben; die ganze Ausstattung des Festzuges mag zehn Dollar schlimmstenfalls kosten. Aber doch wird es farbig und imposant durch die Bahiafrauen, die in frommem Eifer die Krüge mit Blumen und die Fäßchen auf ihrem Haupt in der scharfen Sonne mit ihrer herrlichen Hoheit den ganzen langen Weg tragen. Prachtvoll sehen sie aus, diese schwarzen Königinnen, die sich zu ihrer farbigen Tracht für den festlichen Tag da noch ein Spitzentuch und dort noch eine klirrende Halskette geliehen haben, glücklich strahlend jede einzelne, mit ihrem frommen Gang zugleich dem Heiligen und der Freude des Volkes zu dienen. Auf Leiterwagen, auf ganz vorweltlichen Gespannen sitzen die jungen Burschen, die Besen stolz wie Gewehre schulternd, und unablässig übt sich eine mißtönende, ungeschulte Blechmusik; aber das alles glänzt und quirlt in dem lodernden Licht, und rückwärts blaut das Meer und zu Häupten der Himmel. Es ist ein Fanal der Farben und der Heiterkeit.

Endlich – mit der üblichen brasilianischen Verspätung setzt sich der Zug in Bewegung. Er marschiert, die Frauen in langer Reihe, mit ihren Krügen zu Häupten, voran, sehr langsam durch die Stadt, denn alles will den Zug sehen. Von den Türen, von den Fenstern winkt und jubelt es viva o Senhor do Bomfim, die alten Leute haben sich ihre paar armen Strohstühle aus den Wohnungen auf die Straße gestellt, um nur nichts zu versäumen – für diese Genügsamsten der Welt, für das brasilianische Volk, ist ja ein Anblick schon ein Fest. Da dieser Zug mit den steil getragenen Krügen, aus denen kein Tropfen verschüttet werden soll, fast zwei Stunden dauert, waren wir in die Kirche vorausgefahren, um ihn dort zu erwarten. Aber schon war die Kirche voll. Frauen, Männer, unzählige schwarze lachende Kinder drängten dort in Erwartung des Fests, einer an den andern gepreßt; hoch oben die Fenster, die Sakristei, die Stufen, alles war schon überflutet von wolligen Köpfchen und zitternd vor Erwartung. Aber – ich begriff es erst später – gerade diese Erwartung steigert bei diesen Leichterregbaren Spannung zu einer Art sinnlicher Lust, und als ein erster Böllerschuß meldete, daß an einer Biegung unten am Wege die Spitze des Zuges gesichtet sei, entstand eine Explosion des Jubels, wie ich es selten gesehen. Die schwarzen Kinder patschten in die Hände und stampften vor Freude, die Erwachsenen schrien viva o Senhor do Bomfim, die ganze breite Kirche dröhnte für eine Minute von diesem Jubelschrei. Aber noch war der Zug weit. Die Erregung wuchs, man konnte es an den gespannten Gesichtern sehen, immer mehr ins Ekstatische. Bei jedem Böllerschuß ein neuer Aufschrei viva o Senhor do Bomfim, ein neues Klatschen und Tosen und immer heftiger und heftiger: ich muß gestehen, daß etwas von dieser gestauten Ungeduld, von dieser geballten Leidenschaft der Masse in mich überging. Und näher und näher. Endlich traten die ersten Frauen des Zugs hoheitsvoll durch das Kirchentor, um die Blumen fromm vor dem Altar niederzulegen – ich sah von oben, wie sie durch ein prasselndes Spalier von Schreien aufrecht schritten, und rings herum das Wogen der dicht aneinandergepreßten Köpfe, die tausend aufgerissenen wilden Lippen mit dem einzigen Schrei viva o Senhor do Bomfim, viva o Senhor do Bomfim! Man spürte deutlich eine geballte Erwartung, es war wie ein riesiges schwarzes Tier, das sich auf seine Beute stürzen will. Endlich kam der ersehnte Augenblick. Mit geschulter Energie drängten einige Polizisten die Menge von der Kirchenmitte zurück, um die Fliesen freizulegen, die gescheuert werden sollten. Wasser wurde aus den Krügen – unter fortwährenden tobenden Jubelrufen der Menge – auf den Boden gegossen, und die ersten nahmen die Besen. Aber diese ersten taten es noch in einer frommen, einer demütigen Art, ganz in der ehrfürchtigen Absicht, einen religiösen Dienst zu verrichten; sie verbeugten sich zuerst vor dem Altar und schlugen das Kreuz. Aber bald waren die andern, die gleichfalls dem Heiligen dienen wollten, nicht mehr zu halten; die Ungeduld des Wartens, das Schreien, das Jauchzen hatte sie ekstatisch gemacht. Und plötzlich begann inmitten der Kirche ein Treiben wie von Hunderten schwarzen Teufeln. Einer riß dem andern den Besen weg, oft waren es zwei, drei, zehn, die an einem Stiel durch die Kirche fuhren; andere, die keine Besen hatten, warfen sich hin und rieben mit den nackten Händen die Erde, und jeder, jeder schrie viva o Senhor do Bomfim, die Kinder mit ihren kleinen, gellenden Stimmen, die Frauen, die Männer – es war ein Lustschreien schon, die tollste Massenhysterie, die ich jemals gesehen. Da warf ein Mädchen, sicher sonst still und zurückhaltend, sich von den Ihren losreißend, die Hände hoch und gellte, das Gesicht lusthaft wie eine Bacchantin verzückt, viva o Senhor do Bomfim, viva o Senhor do Bomfim, bis ihr die Stimme brach. Eine andere, die vor Schreien und Toben ohnmächtig geworden war, wurde hinausgetragen, und zwischendurch tobten die tollen Teufel und rieben und schrubbten und fegten, als sollte ihnen das Blut unter den Nägeln vorspringen – etwas so ungeheuer Hinreißendes und Ansteckendes war in diesem religiös-lustvollen Fegen, daß ich nicht sicher war, ob ich nicht selbst, wenn ich mich inmitten dieser Exaltierten befunden hätte, einen solchen Besen an mich gerissen hätte. Es war eigentlich die erste Massentollheit, die ich gesehen, und noch gesteigert in ihrer Unwahrscheinlichkeit dadurch, daß sie in einer Kirche geschah, ohne Alkohol, ohne Musik, ohne Stimulantien und mitten am Tag unter einem glorreich strahlenden Himmel.

Aber das ist das Geheimnis von Bahia, daß hier noch von den Ahnen her sich das Religiöse mit dem Lusthaften im Blute geheimnisvoll verbindet, daß Erwartung oder monotone Erregung besonders bei den Negern und Mischlingen solche unerwartete Rauschempfänglichkeit auslöst; nicht zufällig ist ja Bahia die Stadt der Candomblés und jener Macumba, in der alte, blutige afrikanische Riten sich mit einem Fanatismus für das Katholische auf sonderbarste Weise verbinden. Über diese Macumba ist viel geschrieben worden, und jeder Fremde rühmt sich, durch einen besonderen Freund eine »echte« gesehen zu haben; in Wirklichkeit hat dieSonderbarkeit, die Fremdartigkeit dieser Riten, trotzdem die Neger sie vor der Polizei vorsichtig geheimhalten mußten, den Wert einer Kuriosität erlangt und längst zu solchen pseudoechten Inszenierungen geführt wie in Indien die Darbietungen der von Cook für die Fremden engagierten Yogis. Auch die Macumba, die ich gesehen, war – ich gestehe es ehrlich ein – zweifellos gestellt und inszeniert. Um Mitternacht in einem Wald über Gestein und Gestrüpp eine halbe Stunde lang steigend und stolpernd – die Schwierigkeit der Zugänglichkeit soll die Illusion des Verbotenen und Geheimnisvollen steigern – kamen wir zu einer Hütte, wo bei spärlichem Licht ein Dutzend Neger und Negerinnen versammelt waren. Sie schlugen auf Pauken den Takt und sangen und sangen im Chor eine einzige Melodie, immer dieselbe, immer dieselbe, immer dieselbe, und schon diese Monotonie erregte und machte ungeduldig. Dann kam der Zauberer mit seinen Tänzen und seinem Opfer, immer wieder dazwischen von dem scharfen Zuckerschnaps trinkend und Tabak zerkauend, und es wurde getanzt und getanzt und getobt bis ins Epileptische, da der erste hinfiel mit starren Gliedern und verdrehten Augen. Ich wußte in jedem Augenblick, daß all dies vorbereitet und gelernt war, aber dennoch: durch das Tanzen, Trinken und vor allem die grauenhafte, nervenaufpeitschende Monotonie der Musik war Rauschhaftes selbst in dem Spiel, dasselbe rauschhafte wie in der Kirche Senhor do Bomfim, wo die Lust am Lärm, an der Ekstase um der Ekstase willen die friedlichsten, stillsten Menschen überwältigte. Auch hier wie in allem: was in Brasilien sonst schon vom Neuzeitlichen abgeschliffen, in seinen Ursprüngen verdeckt und von Europäischem überwachsen ist – all das, das Urtümliche, das Bluthafte und Ekstatische, verschollene Seelenepochen, ist hier in Bahia in geheimnisvollen Spuren noch erhalten, und in manchen seltenen Manifestationen spürt man noch hintergründig seine Gegenwart.

Kapitel Vierzig

Besuch bei Zucker, Tabak und Kakao

Ich hatte in São Paulo dem Kaffee meinen Besuch abgestattet, dem einstigen Potentaten des Landes, so wollte ich auch seine Geschwister sehen, die diese Erde reich, fruchtbar und berühmt gemacht. Solche hohe Herren kommen einem nicht entgegen. Man muß sich die Mühe machen, stundenlang zu ihren Residenzen zu reisen. Aber diese Mühe wird in sich selbst belohnt. Denn der Weg nach Cachoeira, der mitten durch die herrlich fruchtbare Zone um Bahia führt, ist eine einzige Folge schöner Blicke. Da sind die Palmenwälder zuerst, so dicht und so dunkel, so weit und so mächtig, wie ich bisher keine gesehen; man kennt Palmen sonst meist als Einzelgänger, als einsame Wächter über einer alten Hütte, als Hüter in einem vornehmen Park, als Spalier auf südlichen Boulevards. Hier aber waren sie dicht aneinander, Grün in Grün, Schaft an Schaft wie eine römische Legion, Schild an Schild, und diese üppige Masse gab nur die erste Ahnung von der Sattheit und Fruchtbarkeit der Gegend von Bahia. Dann wieder vorbei an langen Flächen, wo Mandioca gepflanzt wird, die Hauptnahrung des Landes, dieses wohlschmeckende und nahrhafte Wurzelmehl, das der Urbevölkerung war, was den Chinesen der Reis, und noch heute mit den Bananen und der Brotfrucht das freigebigste Geschenk der Natur an jeden Armen ist.

Allmählich nehmen die Felder andere Formen an. Wie Bambus schießen aufrecht Schäfte im Grün empor, immer in gleicher Höhe und rechts und links die gleichen Sträucher. Masse macht immer monoton, und so ist ein Zuckerfeld ebenso langweilig zu sehen wie ein Kaffee- oder ein Teefeld in seinem einförmigen, von keinem Farbton unterbrochenen Grün. Nein, er scheint kein amüsanter Gastgeber, der Zucker, er hat nichts zu bieten und nichts zu zeigen. Aber da plötzlich an einer Wegwende begegnet man einem Gespann, und im ersten Augenblick frage ich mich: ist das einer jener alten Farbstiche aus dem Museum oder Wirklichkeit? Denn es ist absolut das Gespann von anno 1600, der Wagen plump und statt der durchbrochenen Räder – wie in Pompeji, wie vor zweitausend Jahren – noch die runde Radscheibe. Und die sechs Ochsen, die ihn ziehen, haben noch denselben Ring durch die Nase für den Zügel wie auf den ägyptischen Wandbildern, und der Neger, der ihn führt, trägt denselben bunten Kattunrock wie in der Sklavenzeit, und genau so werden die Stengel in die Mühle geführt wie in den Zeiten der Kolonisation; vielleicht ist es noch dieselbe, obwohl einige Schornsteine am Rand des Horizonts modernere Raffinierung anzudeuten scheinen. Aber wie fühlt man verwundert (und wohltätig belehrt), einen wie schmalen Streif des Landes erst in Brasilien das Maschinelle und Neuzeitliche erfaßt, wieviel noch hier alter Brauch ist, alte Formen, alte Methoden – mag sein, volkswirtschaftlich zum Nachteil. Aber welche Freude doch jedem Auge, das sich ermüdet an der Monotonisierung der Welt. Respektvoll grüße ich den alten Potentaten, den Zucker, darum im Vorüberfahren: er hütet noch das heilige Erbe der Erdfrucht vor den Verführungen der chemischen Künste und gibt dem Land und der Welt in dem süßen Saft etwas von der gekelterten Kraft dieser Sonne und der Unerschöpflichkeit seiner gesegneten Erde.

Auch sein dunklerer Landesbruder, der Tabak, erweist sich konservativer als ich vermeint. In Cachoeira, dieser alten historischen Stadt, wo Häuser noch Schießscharten gegen die Indios tragen, haben sich die großen und berühmten Zigarrenfabriken des Landes zusammengefunden. Als alter Diener Sankt Nicotins hatte ich hier Dankbarkeit für manche duftige Zigarre zu sagen und wollte im stillen mir schuldbewußt nachzählen, wieviel solcher grüner Felder mit Tausenden und aber Tausenden Blättern ich in all den Jahren meines Lasters in Rauch verwandelt. Wählen ist immer schwer, und so sah ich alle drei Fabriken. Aber »Fabriken« ist hier ein übertriebenes Wort, denn ich hatte schon gefürchtet, ich würde nur mächtigen stählernen Maschinen gegenüberstehen, die an einem Ende den geschichteten Tabak einschlucken und am andern Ende die Zigarre gerollt, gehüllt, etikettiert und womöglich schon in die Schachteln gepreßt herausreichen, wodurch man ja in solchen Fabriken immer den Eindruck hat, eigentlich nur großen Automaten zuzusehen und nicht einem realen Umwandlungsprozeß. Aber nichts von alldem. Hier in Brasilien ist auch dieser Prozeß nicht maschinisiert. Jede Zigarre wird hier mit der Hand gemacht oder vielmehr: an jeder einzelnen arbeiten zwanzig bis vierzig geschickte Händepaare. Und man kann – für jeden Raucher eine Überraschung – der allmählichen Verwandlung zublickend, erstaunend wahrnehmen, wieviel Mühe sich unter seinem dünnen Deckblatt verbirgt. Hunderte dunkelfarbige Mädchen sitzen in diesen Sälen nebeneinander, jede Gruppe anders tätig, und im Durchschreiten macht man den ganzen Werdegang einer Zigarre gleichsam optisch mit. Im ersten Raum der Tabak, wie er vom Felde kommt, die großen, schon getrockneten Blätter, die einen merkwürdig bitteren und scharfen Duft ausatmen. Nach der ersten Sortierung – Frauen besorgen sie, die inmitten eines solchen Tabakbergs sitzen wie Bäuerinnen auf einem Strohschober – werden die Rippen losgelöst. Dann erst beginnt das Walzen des Tabaks zur Form der Zigarre, eine andere Gruppe gibt mit einem Messer vor einem Meßstab ihnen das gleiche Maß. Aber noch sind sie nur nackter Tabak, negerhaft und unbekleidet. Das Deckblatt muß ihnen erst Form und auch Geschmack geben. Jedoch – sonderbare Böswilligkeit der Natur – Brasilien, seit Jahrhunderten das reichste Tabakland, hat alle Formen des Tabaks, nur dieses eine Tabakblatt, aus dem das Deckblatt geformt wird, will hier nicht gedeihen. So muß dieses Deckblatt – Milliarden und Milliarden solcher Blätter – aus Sumatra hergeschafft werden, und an jeder Zigarre, die man achtlos schmaucht, haben zwei Erdteile Anteil, Asien und Amerika, und wir rauchen sie meist noch in dem dritten. Ist das Deckblattendlich umgeschlagen, so muß eine andere handfertige Künstlerin die Spitze drehen, wieder andere schwarze Finger kleben die Etikette um, wieder andere die Steuerzettel (die hier in Brasilien allem anhaften außer dem neugeborenen Kinde). Dann erst kommt die Cellophanhülle, die Packung, das Zuschneiden, das Füllen der Kisten und der Brandstempel darauf – fast schäme ich mich, eine Zigarre in den Mund zu stecken, seit ich weiß, wieviel Mühe daran hängt. Und als ich die Hunderte gebeugten Rücken all dieser braunen Mädchen sah, fühlte ich schuldbewußt, wie viele Rücken ich so gebeugt. Aber derlei Bedenken dauern nicht lang. Und da diese Potentaten gastfreundlich mich mit Kistchen ihres trefflichen Fabrikats beschenkten, gingen, noch ehe wir nach Bahia zurückkehrten, einige dieser Skrupeln in blauem, kühlem Rauch auf.

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