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Der letzte Like
„Ja.“
„Dann sollen sie wieder Spaß haben.“
Erlan starrt auf den Bildschirm. Zum ersten Mal wird ihm unbehaglich.
Am nächsten Morgen fährt er zu seiner Schwester, bei der Amelia lebt.
Erlans Schwester Aigul macht Amelia für den Kindergarten fertig. Amelia sitzt auf einem Stuhl und lässt die Beine baumeln. Erlan steht mit einem Werkzeugrucksack im Flur.
„Fährst du schon wieder weg?“, fragt Aigul.
„Arbeit.“
„Was ist das für eine Arbeit – nachts, tagsüber, am Wochenende? Siehst du sie überhaupt noch an?“
Erlan blickt zu Amelia. Das Mädchen zeichnet mit dem Finger Figuren in die Luft.
„Papa, reparierst du Mamas Handy?“, fragt Amelia.
Erlan erstarrt.
„Wozu?“
„Da ist ihre Stimme drin. Wenn ich drücke, redet Mama.“
Aigul sieht ihren Bruder beunruhigt an.
„Erlan, sie braucht keine Stimme aus einem Handy.“
„Ich weiß. Beruhig dich …“
„Du weißt gar nichts. Du hängst ständig in diesen Dateien. Mit dem Computer sprichst du öfter als mit deiner Tochter.“
Erlan sagt leise:
„Der antwortet wenigstens.“
Aigul tritt näher.
„Das ist nicht sie.“
Erlan erstarrt. Langsam hebt er den Blick zu ihr.
„Das entscheidest nicht du.“
Amelia hebt eine Zeichnung hoch und faltet sie auseinander.
„Papa, schau. Mama kommt zurück.“
Erlan nimmt das Bild. Amelia sieht ihn viel zu lange an.
„Ja.“
Aigul zieht Amelia wortlos zu sich. Erlan faltet die Zeichnung. Einmal. Dann noch einmal. Er steckt sie in die Innentasche.
In derselben Nacht beendet Erlan im Lager der Produktionsfirma die letzten Vorbereitungen.
Erlan ist allein zwischen Kisten mit Scheinwerfern, Kameras und Kulissen. Er legt vier Armbänder für die Teilnehmer auf den Tisch. In jedem steckt mehr als nur ein Tracker: winzige Sensoren für Puls, Temperatur und Hautleitwert. Auf dem Laptop zeigt das System die Profile an.
ARUZHAN – „KONTROLLE / SCHULD / ÖFFENTLICHE MORAL“.
ARMAN – „AGGRESSION / NARZISSMUS / ANGST VOR SCHWÄCHE“.
TIMSON – „ABWEHRHUMOR / ANGST VOR STILLE“.
SAYA – „ABHÄNGIGKEIT VON BESTÄTIGUNG / ANGST, ZU VERSCHWINDEN“.
Erlan spricht leise:
„Siehst du sie?“
„Ich sehe sie“, antwortet das System mit Dinaras Stimme.
„Sag mir, dass sie es verdient haben.“
Eine Pause.
„Du nennst es ‚verdient‘. Ich messe Reaktionen“, antwortet die vertraute Frauenstimme.
„Nein. Du musst dich erinnern.“
„Ich erinnere mich an alles, was du hochgeladen hast.“
Tausende Kommentare tauchen auf dem Bildschirm auf. Zunächst lassen sich einzelne Wörter erkennen: „Cringe.“ „Selbst schuld.“ „Meme.“ „Like für Tränen.“ Dann beschleunigt sich der Text und verschmilzt zu einem schmutzigen digitalen Strom. Das System wird mit Hass trainiert.
„Schmerz hält die Aufmerksamkeit länger.“
Müde klappt Erlan den Laptop zu.
„Davon rede ich nicht.“
Er steht auf und tritt vom Tisch zurück. Gedämpft dringt es aus dem geschlossenen Laptop:
„Ich rede wie sie.“
Erlan hört es nicht.
KAPITEL 2
Die Starwoche
Der Tag des Starts. Eine riesige Halle. Licht, Musik, Kameras, Bühnennebel, der Schriftzug „STARWOCHE“. Unter dem Applaus des Produktionsteams betreten die Blogger das Set. Jeder spielt seine Rolle. Arman winkt in die Kameras.
„Mama, ich bin im Fernsehen! Wobei Mama YouTube Premium hat, sie sieht mich sowieso“, sagt Arman.
Timson deutet einen Knicks an.
„Falls ich sterbe, löscht meinen Browserverlauf und mein letztes Stand-up.“
Saya lächelt, hält die Hände aber fest ineinander verschränkt.
„Hallo, ihr Lieben. Ich bin wahnsinnig nervös. Aber ich bin bei euch.“
Saya formt mit den Händen ein Herz. Aruzhan blickt ruhig in die Kamera.
„Sehen wir mal, wie ehrlich eine Show sein kann, die von Anfang an Wahrheit verkauft.“
Eine Pause. Sie wendet den Blick nicht ab. Der Moderator tritt in die Mitte.
„Willkommen bei der ‚Starwoche‘! Hier gibt es keine Filter. Keinen Schnitt. Keine zweite Aufnahme. Nur Sie, die Kamera und die Liebe der Zuschauer.“
Erlan sitzt am Regiepult. Auf den Monitoren sind die Gesichter der Blogger zu sehen. Sein Blick verweilt auf Saya. Von selbst öffnet das System daneben ein altes Foto von Dinara. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Erlan erstarrt und schließt das Fenster hastig.
Der erste Tag. Alles wirkt wie eine teure Realityproduktion: ein großzügiger Raum, Matratzen, eine Küche ohne Essen, Kameras an den Wänden. Auf dem Tisch stehen vier Flaschen Wasser und winzige Essensportionen.
„Das nenne ich mal Hunger. Nach meiner Detox-Werbung gab es mehr zu essen“, sagt Arman.
„Pst. Das ist eine Designerdiät: reich, hungrig, unglücklich“, erwidert Timson.
Saya nimmt eine Wasserflasche, öffnet sie aber nicht.
„Schauen die Zuschauer schon zu?“
Aus den Lautsprechern ertönt die Stimme des Moderators.
„Sie schauen zu. Und sie bewerten.“
Auf dem Bildschirm erscheint die Rangliste:
ARMAN – 31 % ARUZHAN – 27 %
SAYA – 24 % TIMSON – 18 %
„Achtzehn? Das ist manipuliert. Ich verlange eine Neuauszählung aller, die meine Witze verstanden haben“, sagt Timson.
„Keine Sorge, Opa. Deine Zielgruppe schläft einfach nach neun“, antwortet Arman.
Aruzhan begutachtet die Kameras.
„Für eine sichere Show hängen hier verdächtig viele Kameras.“
„Bist du immer so gut gelaunt?“
„Nur wenn ich einen Vertrag unterschreibe, den später Anwälte auseinandernehmen werden.“
Saya öffnet schließlich ihr Wasser und nimmt einen kleinen Schluck. In einem der schwarzen Bildschirme erkennt sie ihr Spiegelbild. Hinter ihrer Schulter scheint jemand zu stehen. Saya fährt herum. Niemand.
Das erste Abendessen. Auf dem Tisch liegen hübsch angerichtete, winzige Portionen: ein Stück Hähnchen, einige Salatblätter, Wasser im Glas. Alles sieht teurer aus, als es satt macht. Arman hebt unwillkürlich die Hand, als wolle er seinen Teller fotografieren. Seine Hand ist leer.
„Ich habe eine Phantom-Story. Meine Hand sucht von selbst nach dem Button“, sagt Arman.
„Bei mir auch. Ich denke ständig: Das müsste man filmen“, sagt Saya.
„Glückwunsch. Wir sind in einer Entzugsklinik für Leute, die ihre Sucht Beruf genannt haben“, sagt Timson.
Aruzhan blickt zur versteckten Kamera in der Decke.
„Keine Klinik. Ein Zoo.“
Arman hebt sein Glas.
„Auf den Zoo. Möge das schönste Tier gewinnen.“
Sie trinken. Das Wasser schmeckt ganz gewöhnlich. Saya bemerkt einen Motivationsspruch an der Wand: „MAN LIEBT EUCH, SOLANGE MAN EUCH SIEHT.“
„Seltsamer Slogan.“
„Ehrlicher Slogan.“
Aruzhan blickt durch die Scheibe in den Regieraum zu Erlan. Er sitzt reglos da, als wäre er ein Teil der Technik.
„Der Techniker ist schon wieder da.“
„Du gefällst ihm.“
„Mich sieht er nicht an.“
Saya dreht sich um, als hätte sie den Blick gespürt. Erlan schaut längst auf einen anderen Monitor.
Erlan sitzt am Pult. Neben ihm blättert der junge Regisseur der Liveübertragung auf einem Tablet.
„Nach Mitternacht schalten wir das Hauptlicht aus. Die Infrarotkameras bleiben an.“
Eine Pause. Er überprüft den Ablaufplan auf dem Tablet.
„Morgens kommt der Moderator rein: Tag zwei, Frühstück mit Überraschung.“
Erlan nickt.
„Hast du wirklich alles eingerichtet? Morgen sehen sich die Investoren den internen Testlauf an.“
„Alles eingerichtet.“
Der Regisseur geht Kaffee holen. Erlan bleibt allein. Er zieht einen USB-Stick hervor und steckt ihn in den Rechner. Für einen Sekundenbruchteil erscheint auf den Monitoren eine andere Benutzeroberfläche. Keine Studiooberfläche. Schwarz, minimalistisch, mit der Aufschrift: „DINARA-PROTOKOLL: AKTIVIERUNG NACH SEDIERUNG“. Erlan blickt auf den Bildschirm mit den Gesichtern der Blogger. Über die Kopfhörer hört er ihr Gespräch.
„Wenn irgendwas schiefläuft, machen wir eben einen Skandal daraus. Ein Skandal bringt auch Reichweite“, sagt Arman.
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