
Полная версия
Mersin – Die Stadt, zu der man immer wieder zurückkehrt. Buch 2

Mersin – Die Stadt, zu der man immer wieder zurückkehrt. Buch 2
Vorwort

Von Alexander Arslanov
Als ich zum ersten Mal nach Mersin kam, hielt ich die Stadt für einen gewöhnlichen Ort am Mittelmeer – Sonne, Meer, Palmen, das Rauschen der Wellen, Fischerboote und ein ruhiger Lebensrhythmus. Doch schon bald wurde mir klar: Hinter dieser Gelassenheit verbirgt sich ein ganz anderes Mersin.
Dies ist ein Land, das von Hethitern, Assyrern, Persern, Griechen, Römern, Byzantinern, Arabern und Osmanen geprägt wurde. Hier predigte der Apostel Paulus, hier entstanden Legenden, die Jahrtausende überdauert haben, und das Meer bewahrt bis heute die Spuren des antiken Kilikien.
Je besser ich diese Region kennenlernte, desto häufiger dachte ich daran, dass die meisten Reisenden nur ihre Oberfläche wahrnehmen. Sie kommen wegen der Strände, fotografieren Burgen, bewundern die Sonnenuntergänge – und reisen wieder ab, ohne die Geschichten zu hören, die diesen Ort lebendig machen.
Genau deshalb ist dieses Buch entstanden.
Es ist weder ein Reiseführer noch ein Geschichtsbuch.
Vor Ihnen liegt eine Sammlung journalistisch-literarischer Erzählungen, die auf historischen Fakten, antiken Quellen, lokalen Überlieferungen und meinen eigenen Gedanken beruhen. Einige Kapitel berichten von Orten, die ich selbst bereits besucht habe. Andere entstanden aus dem Wunsch, die Vergangenheit besser zu verstehen und sie eines Tages mit eigenen Augen zu erleben.
Ich erzähle die Legenden bewusst nicht Wort für Wort nach. Mich interessiert etwas anderes.
Warum sind sie gerade hier entstanden? Was brachte die Menschen vor zwei- oder dreitausend Jahren dazu zu glauben, dass sich in einem Tal der Eingang zur Unterwelt verbirgt und in einem anderen die unsterbliche Schahmaran lebt? Warum gibt das Meer vor der Küste Mersins bis heute antike Amphoren frei, und weshalb entstehen um die alten Festungen immer wieder neue Geschichten?
Oft scheint es, als ende die Geschichte dort, wo die Legenden beginnen.
Doch in Mersin ist es genau umgekehrt.
Gerade die Legenden helfen uns, die Geschichte besser zu verstehen.
Ich hoffe, dass Sie Mersin nach der Lektüre dieses Buches mit anderen Augen sehen werden – nicht nur als Urlaubsort am Mittelmeer, sondern als einen Ort, an dem die Vergangenheit bis heute neben der Gegenwart weiterlebt.
Und vielleicht werden auch Sie eines Tages, wenn Sie hier stehen, vor antiken Ruinen verweilen, dem Rauschen des Meeres lauschen oder in die Tiefe einer der geheimnisvollen Schluchten blicken – und verstehen, warum manche Geschichten niemals in Vergessenheit geraten.
Willkommen in Mersin.
Die Stadt, in der die Geschichte weiterlebt.
Kapitel 13

Die Tür, die besser verschlossen bleibt
Warum die Bewohner des antiken Kilikien diesen Ort für den Eingang zur Unterwelt hieltenAuf der Landkarte der Provinz Mersin trägt dieser Ort einen harmlos klingenden Namen: Cennet ve Cehennem – Himmel und Hölle.
Heute besuchen täglich zahlreiche Touristen diese beeindruckende Naturstätte. Sie steigen die lange Treppe hinab, fotografieren die gewaltigen Felsformationen und setzen ihre Reise entlang der Mittelmeerküste schon wenige Stunden später fort.
Doch eine Frage lässt mich seit Langem nicht los.
Warum verbanden ausgerechnet die alten Griechen diesen Ort mit einer der furchteinflößendsten Legenden ihrer Mythologie?
Schließlich gibt es Karstdolinen dieser Art an vielen Orten.
Warum sahen sie gerade hier den Eingang zur Unterwelt?
Je intensiver ich mich mit der Geschichte dieses Ortes beschäftigte, desto deutlicher wurde mir, dass die Antwort nicht allein in der Legende liegt.
Sie beginnt bereits in der Natur selbst.
Zwei gewaltige Einsturzdolinen liegen dicht nebeneinander, unweit der Mittelmeerküste. Die eine ist für Besucher zugänglich. Hunderte in den Fels gehauene Stufen führen hinab zu ihrem Grund, wo sich zwischen dichter Vegetation die Überreste einer frühchristlichen Kirche aus dem 5. Jahrhundert befinden, die auf den Fundamenten eines noch älteren Heiligtums errichtet wurde. Die zweite Doline ist deutlich tiefer. Ihre nahezu senkrechten Felswände machen einen sicheren Abstieg unmöglich.
Schon heute hinterlässt dieser Ort einen überwältigenden Eindruck.
Stellen Sie sich nun einen Menschen vor, der hier vor zweieinhalbtausend Jahren stand.
Ohne wissenschaftliche Erkenntnisse.
Ohne Geologie.
Ohne zu wissen, wie Karsthöhlen entstehen.
Vor ihm öffnet sich eine riesige, dunkle Tiefe.
Wie sollte man sie erklären?
So entstand eine Legende.
Der griechischen Mythologie zufolge wollte die Erdgöttin Gaia nach dem Sieg der olympischen Götter über die Titanen Rache an Zeus nehmen. Sie erschuf Typhon – ein Ungeheuer von so gewaltiger Macht, dass selbst die Götter des Olymps sich vor ihm fürchteten.
Es entbrannte ein Kampf, bei dem, wie antike Autoren berichten, Erde und Meer erbebten.
Schließlich besiegte Zeus Typhon und sperrte ihn zunächst in diesen Höhlen ein, bevor er ihn endgültig unter dem Ätna begrub. Deshalb galt dieser Ort in der Antike als Eingang in das Reich der unterirdischen Mächte.
Heute erklären Geologen die Entstehung von Himmel und Hölle weitaus nüchterner. Über Jahrtausende löste unterirdisches Wasser den Kalkstein auf und schuf riesige Hohlräume. Als deren Decken einstürzten, entstanden die beiden gewaltigen Dolinen, die wir heute sehen.
Doch die Legende verschwand nie.
Sie überdauerte den Wechsel der Reiche.
Sie überstand das Ende des Heidentums.
Sie überlebte Byzanz.
Sie überdauerte das Osmanische Reich.
Und sie lebt bis heute weiter.
Vielleicht liegt genau darin die wahre Kraft solcher Orte.
Sie existieren zugleich in zwei Welten.
Für Geologen sind sie ein außergewöhnliches Naturdenkmal.
Für Historiker ein bedeutendes Zeugnis des antiken Kilikien.
Und für alle, die Legenden lieben, ein Ort, an dem der Mythos erstaunlich glaubwürdig erscheint.
Ich selbst war noch nicht bei Himmel und Hölle.
Doch ich weiß schon jetzt, dass ich diesen Ort auf meiner nächsten Reise nach Mersin unbedingt besuchen werde.
Nicht wegen schöner Fotos.
Ich möchte selbst am Rand dieser uralten Tiefe stehen.
Hinabblicken.
Und versuchen zu verstehen, warum die Menschen ausgerechnet hier die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Legenden sahen.
Vielleicht finde ich dann meine eigene Antwort auf die Frage, mit der diese Geschichte begann.
Warum gerade hier?
Und warum hat diese Legende Jahrtausende überdauert?
Kapitel 14

Die einsame Frau von Tekkadın
Je intensiver ich mich mit der Geschichte Mersins beschäftige, desto mehr wird mir bewusst: Die spannendsten Entdeckungen finden sich nicht in bekannten Reiseführern, sondern auf alten Landkarten, in archäologischen Veröffentlichungen und in kaum bekannten heimatkundlichen Aufzeichnungen.
So war es auch mit Tekkadın.
Hoch in den Bergen, fernab der üblichen Touristenrouten, liegen die Ruinen einer antiken Siedlung. Historiker haben nachgewiesen, dass hier bereits in der hellenistischen, römischen und frühbyzantinischen Zeit Menschen lebten. Bis heute sind die Überreste von Wohnhäusern, einer frühchristlichen Kirche, Sarkophagen und mächtigen Steinmauern erhalten geblieben. Der ursprüngliche Name der Stadt ging jedoch zusammen mit ihren Bewohnern verloren. Heute trägt sie den Namen Tekkadın – Die einsame Frau. Warum sie so heißt, weiß niemand mehr.
Und wenn die Geschichte keine Antworten mehr gibt, versucht sie oft das Gedächtnis der Menschen zu finden.
Unter den Bewohnern dieser Gegend wird eine schöne Legende erzählt.
Vor langer Zeit soll hier eine junge Frau gelebt haben. Ihr Mann war Seefahrer. Vor jeder Reise versprach er ihr, zurückzukehren, und sie begleitete ihn bis zu dem Pfad, von dem aus man bei klarem Wetter den schmalen Streifen des Mittelmeers erkennen konnte.
Doch eines Tages kehrte sein Schiff nicht zurück.
Das Meer bewahrte sein Geheimnis.
Wochen vergingen.
Dann Monate.
Schließlich Jahre.
Die Nachbarn rieten ihr, die Hoffnung aufzugeben. Ihre Familie sagte, das Leben müsse weitergehen. Doch jeden Morgen stieg sie auf den Hügel und blickte lange in die Ferne, als könne sie am Horizont noch immer das vertraute Segel entdecken.
Man erzählt, dass sie keinen einzigen Sonnenaufgang versäumte.
Mit der Zeit hörten die Menschen auf, sie bei ihrem Namen zu nennen.
Sie sagten nur noch:
Das ist die einsame Frau.
Jahrzehnte vergingen.
Dann Jahrhunderte.
Die Häuser verschwanden, die Straßen verfielen, und die Mauern der alten Stadt zerfielen zu Ruinen.
Geblieben ist nur ihr Name.
Ob sich alles wirklich so zugetragen hat?
Das wird wohl niemand mehr erfahren.
Vielleicht entstand diese Legende erst lange nach dem Untergang der Siedlung. Vielleicht wollten die Menschen damit lediglich den ungewöhnlichen Namen eines Ortes erklären, dessen ursprüngliche Bezeichnung längst vergessen war.
Doch genau das macht alte Legenden so faszinierend.
Sie verlangen keine Beweise.
Sie bewahren das, was keine Chronik festhalten konnte.
Und wenn mich mein Weg eines Tages nach Tekkadın führt, werde ich zu diesen uralten Steinen hinaufsteigen.
Nicht, um die Legende zu überprüfen. Sondern um mich erneut davon zu überzeugen, dass die Erinnerung eines Volkes manchmal länger überdauert als die Geschichte selbst
Kapitel 15

Die Geheimnisse des antiken Mersin Die Legende vom Lamos
Kann man einen geliebten Menschen verlieren, obwohl nur wenige Dutzend Meter zwischen zwei Menschen liegen?
Es klingt kaum vorstellbar. Doch manchmal sind es weder hohe Berge noch das Meer oder Tausende von Kilometern, die Menschen voneinander trennen. Manchmal genügt ein einziger Fluss.
Bei meinen Recherchen zur Geschichte der Provinz Mersin stieß ich auf eine alte Legende, die mit dem Fluss Lamos verbunden ist. Heute wirkt er ruhig und unscheinbar. Brücken überspannen ihn, und Reisende überqueren ihn, ohne zu ahnen, dass hier einst die Grenze des antiken Kilikien verlief.
Für die Herrscher war der Lamos eine Grenze.
Für die Soldaten eine Verteidigungslinie.
Für zwei junge Menschen jedoch wurde er zu einem unüberwindbaren Hindernis.
Einer alten Überlieferung zufolge begegnete ein junger Mann vom einen Ufer während eines großen Jahrmarkts einem Mädchen vom anderen. Gemeinsam schlenderten sie durch die geschäftigen Marktgassen, lauschten der Musik, blickten hinaus auf das Meer – und ahnten nicht, dass jeder von ihnen schon bald in seine Heimat zurückkehren musste.
Nach dem Jahrmarkt trafen sie sich immer wieder am Fluss.
Jeder blieb auf seiner Seite.
Sie sprachen über das Wasser hinweg, lachten, träumten und glaubten fest daran, eines Tages zusammen sein zu können.
Doch dann kamen unruhige Zeiten.
Die Übergänge wurden geschlossen, und Wachen bezogen Stellung an den Ufern.
Was die Menschen einst verbunden hatte, wurde zur Grenze.
Dennoch kamen sie weiterhin.
Manchmal sprachen sie miteinander.
Manchmal standen sie einfach schweigend da und blickten sich über das Wasser hinweg an.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «Литрес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на Литрес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


