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Mersin. Geschichten im Rauschen der Brandung

Mersin. Geschichten im Rauschen der Brandung
Buch

Alexander Arslanov – Mersin. Geschichten im Rauschen der Brandung
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1. Der zweite Anflug. Als das Flugzeug schon fast gelandet war – und plötzlich wieder in den Himmel aufstieg
Kapitel 2. Mersin – wo die Palmen dem Wind zuflüstern
Kapitel 3. Sind sie wieder hier?
Kapitel 4. Arpaçbahşiş. Ich wollte die Türkei nicht verlassen – und das lag keineswegs nur am Meer
Kapitel 5. Kızkalesi – dorthin, wo die Festung auf dem Meer zu schweben scheint
Kapitel 6. Arpaçbahşiş. Die Küste Kilikiens – wo die Geschichte älter ist als der Tourismus
Kapitel 7. Hinter den Kulissen türkischer Fernsehserien. Wie Mersin zur Filmstadt wurde
Kapitel 8. Das Geheimnis von Şahmaran. Die Legende, die Tarsus seit zweitausend Jahren bewahrt
Kapitel 9. Die Küste, von der aus Piraten Rom herausforderten
Kapitel 10. Das Geheimnis der Blutigen Schlucht. Die Legende von Kanlıdivane
Kapitel 11. Die Tunnel unter Mersin. Ein Geheimnis, über das die Einheimischen lieber schweigen
Kapitel 12. Wenn das Meer beginnt, seine Geheimnisse zurückzugeben
Vorwort

Mersin ist eine der faszinierendsten Städte der Türkei. Hier scheint fast das ganze Jahr über die Sonne, das azurblaue Mittelmeer trifft auf das majestätische Taurusgebirge, und modernes Leben existiert Seite an Seite mit einer Geschichte, die Jahrtausende zurückreicht.
Diese Stadt versteht es, ihre Besucher immer wieder zu überraschen. Hier wurden Spielfilme und Fernsehserien gedreht, Reisende aus aller Welt kommen hierher, und Archäologen entdecken bis heute immer neue Kapitel der Geschichte des antiken Kilikien. Es scheint, als hätten Vergangenheit und Gegenwart gelernt, harmonisch nebeneinander zu bestehen.
Doch das wahre Mersin offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Es erschließt sich jenen, die bereit sind, die gewohnten Touristenpfade zu verlassen, durch die alten Gassen von Tarsus zu schlendern, historische Festungen zu erklimmen, den Sonnenaufgang an einem einsamen Strand zu erleben oder einfach innezuhalten und dem Rauschen der Brandung zu lauschen.
Erst dann beginnt man zu verstehen, dass jeder Stein, jeder Baum und jede Meereswelle hier ihre eigene Geschichte erzählen.
Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an Mersin. Es vereint Erzählungen, Legenden, historische Essays und journalistische Betrachtungen, inspiriert von den Menschen, der Natur und der reichen Vergangenheit dieser außergewöhnlichen Region. Viele der Geschichten beruhen auf historischen Ereignissen, andere sind aus lokalen Überlieferungen entstanden, die bis heute im Gedächtnis der Bewohner weiterleben.
Ich lade Sie ein, sich auf eine Reise durch Mersin zu begeben – eine Stadt, die man nicht an einem einzigen Tag verstehen kann, die man jedoch leicht für ein ganzes Leben ins Herz schließt.
Vielleicht werden auch Sie nach der Lektüre dieses Buches den Wunsch verspüren, an der Promenade entlangzuspazieren, das Rauschen des Mittelmeers zu hören, die uralten Mauern Kilikiens zu berühren und einen Ort zu entdecken, an den man immer wieder zurückkehren möchte.
Willkommen in Mersin – der Stadt der Sonne, des Meeres, der Legenden und der unendlichen Entdeckungen.
Kapitel Eins

Die zweite Platzrunde. Als das Flugzeug schon fast gelandet war - und plötzlich wieder in den Himmel stieg
Ein früher Flug von Berlin nach Mersin, die bedrückende Nachrichtenlage, eine Landung, die im letzten Moment abgebrochen wurde, und eine zweite Platzrunde, die meinen Blick nicht nur auf das Fliegen, sondern auch auf das Leben veränderte.
Früh am Morgen flog ich nach Mersin.
Die Stadt war noch nicht erwacht. Am Flughafen herrschte jenes besondere Halbdunkel, in dem sich die Menschen leise bewegen, als wollten sie den neuen Tag nicht zu früh wecken. Rollkoffer glitten lautlos über den Boden, Gespräche wurden nur im Flüsterton geführt, und alles schien sich ein wenig langsamer zu bewegen.
Ich war auf dem Weg zu meinem Onkel und meiner Tante. Vielleicht fühlte sich die Reise gerade deshalb nicht wie ein gewöhnlicher Flug an, sondern wie etwas sehr Persönliches und Warmherziges. Wenn man zu seinen Liebsten fliegt, erlebt man alles anders. Man sitzt noch im Flugzeug, doch ein Teil von einem ist längst angekommen – bei der bevorstehenden Umarmung, den vertrauten Stimmen und den einfachen Gesprächen zu Hause, die seltsamerweise oft wichtiger sind als die großen Ereignisse des Lebens.
Manchmal braucht es eine zweite Platzrunde am Himmel, damit man den Wert festen Bodens erst richtig begreift.
Doch dieses Mal gab es noch einen anderen Hintergrund. Man konnte nicht vergessen, dass der Nahe Osten derzeit von Spannungen geprägt ist. Nachrichten, Unsicherheit und beunruhigende Schlagzeilen setzen sich irgendwo tief im Inneren fest – selbst dann, wenn man versucht, sich davon nicht mitreißen zu lassen. Hinzu kam die Meldung, dass Aeroflot seine Direktflüge von Moskau eingestellt hatte. Solche Nachrichten hinterlassen unweigerlich Spuren.
Der Flug selbst verlief ruhig. Ein ganz gewöhnlicher Linienflug. Gewöhnliche Gesichter. Das vertraute Brummen der Triebwerke. Jeder war aus seinem eigenen Grund unterwegs: nach Hause, in den Urlaub oder zu seiner Familie. Jeder hatte seine eigene Geschichte und seinen eigenen Anlass, an diesem frühen Morgen in diesem Flugzeug zu sitzen.
Dann begann der Sinkflug.
Im Flugzeug entstand jene besondere Stille, die es nur kurz vor der Landung gibt. Selbst die gesprächigsten Passagiere werden in diesen Minuten ruhiger. Gedanklich ist jeder bereits am Boden. Alle warten nur noch auf den einen Augenblick, in dem die Räder die Landebahn berühren.
Wir befanden uns im Landeanflug auf Mersin. Die Lichter der Stadt waren bereits zu sehen, ebenso die Landebahn. Alles deutete auf eine ganz normale Landung hin. Es waren nur noch Sekunden bis zum Aufsetzen.
Doch plötzlich geschah etwas anderes.
Anstatt aufzusetzen, beschleunigte das Flugzeug wieder und stieg erneut in den Himmel.
Das Dröhnen der Triebwerke wurde lauter, die Maschine gewann an Höhe – sofort war klar: Wir flogen eine zweite Platzrunde.
Später klingt dieser Begriff nüchtern und technisch. Doch in diesem Moment denkt niemand daran. Man spürt ihn zuerst. Man war innerlich bereits angekommen – und wird doch noch einmal vom Himmel zurückgeholt.
Wahrscheinlich haben in solchen Augenblicken alle denselben ersten Gedanken:
Warum? Warum sind wir nicht gelandet? Was ist passiert? Was ist auf der Landebahn?
Ich blickte nach unten. Wie wohl jeder suchte ich nach Anzeichen eines Notfalls – nach Feuerwehrfahrzeugen, Rettungswagen oder hektischer Betriebsamkeit. Doch ich sah nichts dergleichen.
Und genau das beruhigte mich ein wenig.
Dann kam mir die naheliegendste Erklärung in den Sinn: der Wind. Vielleicht eine Böe, Seitenwind oder ein nicht ganz stabiler Anflug. Der Pilot hatte entschieden, kein Risiko einzugehen.
Für einen Passagier bedeutet das zunächst Stress.
Für einen Piloten ist es einfach seine Arbeit.
Wenn ein Pilot ein Flugzeug beim ersten Versuch nicht landet, dann deshalb, weil er kein unnötiges Risiko eingehen will. Und das macht keine Angst – es verdient Respekt.
Wahrer Professionalismus zeigt sich nicht darin, ein Vorhaben um jeden Preis zu Ende zu bringen. Wahrer Professionalismus bedeutet zu erkennen, wann es klüger ist, noch einmal eine Runde zu fliegen, statt etwas zu überstürzen.
Und das gilt nicht nur für die Luftfahrt.
Auch im Leben glauben wir oft, wenn wir unserem Ziel schon ganz nahe sind, müssten wir nur noch mit aller Kraft durchhalten. Dabei ist es manchmal die vernünftigste Entscheidung, nicht stur weiterzumachen, sondern ruhig noch einmal neu anzusetzen.
Im Flugzeug herrschte Stille.
Eine sehr menschliche Stille.
Niemand schrie. Niemand machte eine Szene. Dennoch spürte man, dass jeder diesen Moment auf seine eigene Weise erlebte. Manche blickten aus dem Fenster. Andere starrten schweigend auf den Sitz vor sich. Vielleicht beteten einige leise für sich.
Das Flugzeug gewann erneut Höhe, drehte seine Runde und setzte zum zweiten Mal zum Landeanflug an.
Dieser zweite Anflug fühlt sich anders an.
Man freut sich nicht mehr zu früh.
Man wartet einfach ruhig ab.
Und diesmal verlief alles genauso, wie es sein sollte.
Die Räder berührten die Landebahn.
Das Flugzeug rollte aus.
Wir waren gelandet.
Ruhig.
Sicher.
Genau so, wie man es sich wünscht.
Dann war da endlich die Erde.
Mersin.
Die warme Luft.
Und vor mir lag das Wiedersehen mit meiner Familie.
Erst in diesem Moment wurde mir endgültig klar, dass es bei all dem gar nicht um Angst gegangen war, sondern um das Leben selbst.
Darum, wie sich manchmal einige beunruhigende Gedanken im Kopf zu einem düsteren Bild zusammensetzen – und wie sich die Wirklichkeit am Ende als viel einfacher und freundlicher erweist.
Nicht alles, was beunruhigend aussieht, ist tatsächlich gefährlich.
Manchmal empfindet man die größte Erleichterung nicht dann, wenn alles nach Plan verläuft, sondern dann, wenn man nach einer zweiten Platzrunde schließlich doch sicheren Boden unter den Rädern hat.
Manchmal ist eine zweite Platzrunde kein schlechtes Zeichen.
Manchmal ist sie das Zeichen dafür, dass alles unter Kontrolle ist.
Denn das Leben besteht nicht nur aus den großen Ereignissen.
Es besteht auch aus solchen Momenten.
Aus einer zweiten Platzrunde.
Aus einer ruhigen Landung.
Aus Erleichterung.
Aus einer Begegnung mit den Menschen, die man liebt.
Und aus der Erkenntnis, dass am Ende doch alles gut geworden ist.
Kapitel Zwei

Mersin-wo die Palmen dem Wind zuflüstern.
Es gibt Städte, die man nur mit den Augen betrachtet.
Und es gibt Städte, die im Herzen bleiben.
Manchmal gelingt einer fremden Stadt etwas, woran viele Heimatorte scheitern: Sie verlangt nichts von dir – und gerade deshalb wird sie dir vertraut.
So ging es mir mit Mersin.
Ich erwartete nichts Besonderes. Natürlich – das Meer. Palmen. Der Süden. Die Strandpromenade, warme Abende, Cafés am Wasser, gemächliche Spaziergänge und Lichter, die sich im dunklen Meer spiegeln. All das ist schön. Doch Schönheit allein bedeutet noch nichts. Schöne Orte gibt es auf der Welt genug. Die eigentliche Frage ist, ob ein Ort sich irgendwann wie Heimat anfühlen kann.
Mersin kann das.
Mersin bemüht sich nicht darum, zu gefallen – und genau deshalb verliebt man sich in diese Stadt. Sie drängt sich nicht auf. Sie versucht nicht, jemanden zu blenden. Sie spielt nicht die perfekte Postkarte für Touristen. Sie lebt einfach ihr eigenes Leben. Und wenn die eigene Seele nicht taub geworden ist, spürt man das sehr schnell.
Mersin besitzt eine lange Geschichte. Lange bevor moderne Wohnviertel, Straßen, Cafés und Hochhäuser entstanden, befand sich an dieser Küste bereits der antike Hafen Zephyrion. Von hier aus wurden Waren gehandelt, Schiffe liefen ein und aus, Menschen begegneten einander, Sprachen vermischten sich und Schicksale kreuzten sich. Später kamen und gingen Reiche – Byzantiner, Araber, Seldschuken und Osmanen. Diese Stadt kennt seit Jahrhunderten Bewegung, Wandel und den Lauf der Zeit.
Mersin ist kein Urlaubsort, der erst gestern für den Tourismus erfunden wurde. Die Stadt lebt seit Jahrhunderten am Meer – und sie steht fest auf ihrem Fundament.
Doch das Faszinierendste ist nicht ihre Vergangenheit.
Es ist die Art, wie sie sich heute verändert.
Mersin ist inzwischen eine große, moderne und wachsende Stadt, die genau zu wissen scheint, wohin sie sich entwickeln will. Der Bau einer U-Bahn ist dafür mehr als nur eine technische Information für Reiseführer. Eine Metro ist ein Zeichen von Größe, von Weitblick und vom Willen, in die Zukunft zu investieren.
Ein weiteres sichtbares Zeichen dieses Wandels ist der internationale Flughafen Çukurova. Früher musste man mühsam nach Mersin gelangen – heute fliegt man direkt hierher. Auf den ersten Blick mag das nur eine Frage der Infrastruktur sein. Tatsächlich verändert ein internationaler Flughafen aber auch das Bild einer Stadt: Er steht für Erreichbarkeit, Bedeutung und eine neue geografische Anbindung.
So südlich und mediterran Mersin auch ist – manchmal erinnert mich die Stadt überraschend an meine Heimatstadt Ufa.
Nicht äußerlich.
Natürlich könnten beide Städte unterschiedlicher kaum sein.
Aber sie vermitteln ein ähnliches Gefühl von innerer Vertrautheit. Man hat nicht das Gefühl, ständig unter Druck zu stehen. Niemand verlangt von einem, jederzeit angespannt, wachsam oder hart zu sein.
Es gibt noch etwas, das sich nicht künstlich erzeugen lässt: die Sprache.
Türkisch ist weder Baschkirisch noch Tatarisch. Doch wenn man in Ufa aufgewachsen ist und von Kindheit an türkische Sprachen, ihre Melodien, ihren Rhythmus und vertraute Lautfolgen gehört hat, entdeckt man im Türkischen plötzlich etwas, das einem gar nicht fremd erscheint.
Das lässt sich nicht im Wörterbuch nachschlagen.
Man erkennt es mit dem Ohr.
Vor allem am Abend zeigt Mersin sein wahres Gesicht.
Wenn die Hitze des Tages nachlässt, strömen die Menschen ans Meer. Familien spazieren gemeinsam über die Promenade. Andere sitzen in den Cafés. Manche gehen einfach am Wasser entlang – ohne Ziel, ohne Eile. Einige betrachten die Lichter der Stadt, andere trinken Tee, reden miteinander oder schweigen einfach.
Und plötzlich fällt einem etwas auf, das man in vielen anderen Orten längst für selbstverständlich hält:
Hier fehlt dieser ständige innere Kampf.
Man hat nicht den Eindruck, dass alle permanent hetzen, zu spät kommen oder gegen das Leben, die Umstände, andere Menschen oder sich selbst kämpfen.
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